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Sitten und Gebräuche im alten Oberaußem

 

Texte aus der Dorf- und Familienchronik des Oberaußemers Martin Schneider

 

Wäschewaschen im früheren Oberaußem

 

Bis zur Inbetriebnahme der Kreiswasserleitung im Jahre 1905 wurde das Wasser den Gemeindepumpen, soweit kein eigener Brunnen oder eigene Pumpe vorhanden war, entnommen. Zum Wäschewaschen wurde vielfach Regenwasser aufgefangen. Die Waschmittel waren allgemein Schmierseife und Soda. Noch früher wurde im Waschwasser Hühnerkot aufgelöst.

 

Trockenaborte

 

Die Trockenaborte in größeren Bauerhöfen waren vielfach über dem Schweinestall. Die Schweine verzehrten den herunterfallenden Kot. Ich selbst habe diese schauderhafte Errichtung nicht mehr gekannt, aber meine Vorfahren.

 

Betten früher

 

Federmatratzen oder Keilkissen in den Betten waren für die Masse des Volkes Luxus. Auf den Brettern befand sich meistens Langstroh. Darauf kam ein Unterbett mit getrocknetem Farnkraut. Bei frischer Auffüllung waren die Betten so hoch, daß die Kinder vom Stuhl aus in das Bett kletterten.

 

Fußboden in den Wohnhäusern

 

Es gab vor 1914 noch Zimmer und Küchen ohne Belag. Ich habe noch Küchen mit Lehmboden gekannt. Die vorhandenen Holzfußböden wurden nicht mit Farbe gestrichen. Diese blieben natur und nach dem Putzen wurden sie mit weißem Sand bestreut. Die 2 letzten Sandlieferanten waren der alte Friedt aus der Fortunastraße und sein Nachfolger war der Schuster Franz Esser an der Bahn. Ein kleiner Eimer Sand kostete 5 Pfennige, gleich 1 Schnaps.

Bis 1914 kostete 1 Liter einfacher Branntwein 60 Pfennige und 1 Liter Doppelkorn 80 Pfennige

 

Rosenkranzgebet in der Fastenzeit

 

In der Fastenzeit wurde in jedem katholischen Hause allabendlich, außer sonntags der Rosenkranz gebetet.

 

Lebensunterhalt damaliger Arbeiterfamilien

 

Viele Arbeiterfamilien hatten damals eine Kuh oder Schaf, dazu 2 Ziegen. Dieses war wegen der geringen Verdienste zur Aufbesserung des Lebensstandards erforderlich. Da es zur damaligen Zeit noch viel Brachland gab, konnte das Grünfutter dort gesammelt werden. Außerdem zog fast jede Familie 1 bis 2 Schweine zur Hausschlachtung. Für den Kirmesbraten wurde ein Ziegenbock geschlachtet. Die Lebensweise war nicht so üppig wie heute. Der Stundenlohn auf „Fortuna“ schwankte damals zwischen 32 und 36 Pfennigen.

 

Mode von früher

 

Zur damaligen Mode ist folgendes zu sagen. Die alten Frauen trugen meistens ein Kopftuch, im Winter vielfach eine Strickmütze. Die Mädchen gingen in der Zierschürze spazieren, bei kalter Witterung trugen sie ein Umschlagetuch.

Mein Bruder, ich und zwei Freunde kauften uns 1913 auf Verabredung braune Halbschuhe zu Kirmes. Halbschuhe und dann noch braun, das war eine Sensation in Oberaußem. Als gutes Oberhemd wurde ein weißes Hemd mit losen Manschetten getragen. Die Brust im Hemd, der Kragen und die Manschetten waren so steif gestärkt wie Porzellan. Kragen gab es in drei Formen bis zu 8 cm Höhe. Einen Wintermantel gab es durchschnittlich im Alter von 18 – 20 Jahren. Sommer- oder Übergangsmäntel waren meistens unbekannt. Nach 1918 stieg die Mode rapide an.

 

Eissport in Oberaußem

 

Der Eissport fand auf der Tränke (jetziger Dorfplatz) und in den Benden auf dem Fischweiher statt.

 

Badeanstalt von Oberaußem

 

Gebadet wurde in dem Weiher, Gottesgraben genannt, am Glessenerweg.

Der Hauptspielplatz war auf dem Driesch. Er bestand aus sandigem Boden, mit Gras und Ginster bewachsen.

 

Ostern – Eierknippen

 

Eine Ostersitte war das Eierkippen. Es fand hauptsächlich in der früheren Metzgerei Odenthal statt. Die Metzgerei war in einem zur Brennerei Esser gehörenden Hause an der Stelle, wo sich jetzt das Konsumgeschäft befindet. Odenthal hielt Eier auf Vorrat, die käuflich zu haben waren. Durch Anschlagen der Eier an seine Zähne stellte Odenthal die Stärke der Eierschale fest. Dieses klappte nicht immer, denn er wollte auch die dünnschaligen Eier verkaufen.

 

Passagen aus dem Buch „Heimatkunde von Oberaußem“ von Josef Dürbaum

 

Neujahr – Bretzelauskarten

 

>> Gute und schlechte Sitten, durch die Oberaußem von der Umgegend abstäche, existieren nicht. Wie weit und breit um uns her, so beginnt auch der Oberaußemer Bürger das neue Jahr während der Sylvesternacht mit Bretzelauskarten, und der eine oder andere Ehemann sucht dann wohl seine bessere Hälfte, die durch sein langes Ausbleiben nicht bei rosiger Laune sein mag, durch den Anblick der gewonnenen Bretzel wieder zu „sanfteren Sitten“ zu gewöhnen.

 

Kleiner Vinzentius

 

Immer mehr verblaßt die früher oft so glänzend verlaufene Feier des „kleinen Vinzentius“. Mit letzterem Namen belegte man in Oberaußem den Montag nach dem Pfarrpatronatsfest Vinzentius. In früheren Zeiten, da die Landwirtschaft in dem Orte noch vorherrschend war, hatten die Bewohner Zeit und Muße, dem Patronatsfest noch einen „kleinen“ anzuhängen, der dann am Nachmittage und Abend besonders hinter einem Glase Bier gefeiert wurde. Da nun in der Regel an diesem Tage auch noch der Oberaußemer Holzverkauf stattfand, so gestaltete sich der Aufenthalt in dem Wirtshause für viele zu einer Dauersitzung, deren Folgen auf die Gemüter und Häupter der Sitzenden bald nicht mehr zu verkennen waren. Sagt man ja heute noch in Oberaußem, daß es manchmal zu schön hergegangen habe. Nachdem aber nun in neuerer Zeit der große Teil der Industriebevölkerung keine Notiz mehr vom „kleinen Vinzentius“ nimmt, auch der Holzverkauf auf einen anderen Tag verlegt ist, so hat der „kleine“ seine Bedeutung so ziemlich verloren, hoffentlich nicht zum Schaden der Bevölkerung.

 

Stiftungsfest – Vinzentiusbruderschaft

 

Pfingstmontag feiert man in Oberaußem das Stiftungsfest der Bruderschaft des hl. Vinzentius. Auf dem Tonnenberg wird dann nachmittags der Königsvogel abgeschossen, dem Pfarrer das Fähndel geschwenkt, in der Kirche das Te Deum gesungen, ein Königsessen abgehalten und nachts das Tanzbein geschwungen. Am folgenden Tage erhalten die Mitglieder der Bruderschaft „Freibier“, auch Bruderbier genannt. Es ist das Fest ein echtes Volks- und Familienfest, das der Kirmes des Ortes an Bedeutung gleichkommt. Wer von den auswärts Wohnenden zur Oberaußemer Kirmes nicht erscheint, der will auf keinen Fall auf die Teilnahme an diesem alten Bruderschaftsfeste verzichten.

 

Einzug in neue Wohnung

 

Beim Einzug in eine neue Wohnung lädt die Hausfrau ihre Nachbarinnen zu einem Kaffee ein: sie gibt den Eintritt.

 

Nachbarschafts  - Totenwache

 

Beim Hinscheiden eines Erwachsenen erscheinen die Nachbarn abends, so lange die Leiche im Hause ruht, zur sogenannten Totenwache. Am Tage vor der Beerdigung läutet die Totenglocke.

 

Schutz vor Unwetter und Gewitter

 

Bei heftigen Gewittern verbrennt die fromme Hausmutter geweihte Kräuter. Geweihte Kräuter werden auch auf die Äcker, sowie an die Viehställe gesteckt, um Gottes Segen auf diese herabzuflehen.

 

Kirmes – Zachhäus

 

>> Am Abende vor dem Kirmesfeste zieht eine Anzahl junger Burschen des Ortes mit Trommel und Pfeife zur Einholung der „Kirmes“ hinaus. Es wird alsdann ein Strohmann in einem Versteck bereit gehalten, von den Burschen in Empfang genommen und auf einem Gestell oder einer Leiter durch den Ort getragen. Mittwochs danach wird die Kirmes in einem Hohlwege, wohl oft von trauernden Gesichtern begleitet, bestattet. <<

 

 


Ausschnitte aus der Autobiographie von Ulrich Reimann

 

Dorffeste

 

>> Schöne Erinnerungen habe ich auch an die damaligen Dorffeste von Oberaußem, die von den Vereinen abgehalten wurden.

 

Maifest

 

Bis Anfang der 1950ger Jahre gab es noch eine Maigesellschaft, die im alten Saal Lützenrath den Tanz in den Mai veranstaltete und am 1. Mai einen Umzug durch den mit Birkengrün geschmückten Ort machte. Dabei fuhr das Königspaar in einer Pferdekutsche mit und der sogenannte „Dörpremmel“, ritt auf einem Ochsen durch Oberaußem. Auf dem Dorfplatz an der Dränk, stand stets eine von den Junggesellen des Ortes aufgestellte, große, mit bunten Papierbändern als Maibaum geschmückte Birke, die in der Nacht zum 1. Mai sorgfältig bewacht wurde. Damals war es der allgemeine Brauch, daß die Junggesellen der einzelnen Orte stets versuchten, die Maibäume in anderen Orten abzuholzen und zu stehlen.

 

Schützenfest

 

An Pfingsten feierte die Oberaußemer St. Vinzentius Schützenbruderschaft immer ihr jährliches Schützenfest in einem Festzelt, das meistens in den Obstwiesen des Bauern Fernand Rüntz, also „Em Rüntze Bongert“ aufgestellt war. Wenn man von der Kirche ausgehend, die Kirchstraße herunterging und die Niederaußemerstraße überquerte, traf man direkt auf den Zelteingang. Da das Obstwiesengelände aber etwas tiefer als die Straße lag, stand bei Regen, der Zeltplatz auch schon mal unter Wasser. Um das Zelt aber trockenen Fußes erreichen zu können, erstellte man in solchen Fällen, aus Holztafeln und schweren Brettern einen trockenen Zugang. Nach einer zünftigen, alkoholreichen Feier im Zelt, ist damals auch so manch ein Festbesucher vom Holzweg abgekommen und zur Freude der anderen, in die überschwemmte Wiese gefallen.

Am Pfingstsonntag gab es immer einen großen Schützenumzug. Der Schützenkönig mit seinem Gefolge und die Honoratioren des Ortes, fuhren dabei oft in offenen Pferdekutschen, mit Musikbegleitung, Beteiligung befreundeter Schützenvereine und Abordnungen der Ortsvereine, durch das mit vielen Fahnen festlich geschmückte Oberaußem. Natürlich gab es auf dem Dorfplatz, „De Dränk“, auch immer einen Rummel, mit vielen fahrenden Geschäften, wie Schießbuden, Süßigkeitsbuden, Losbuden, Imbissbuden, Schiffschaukel, Autoscouter, Raupe, Überschlagschaukel, Kinderkarussell, Türkischer Honig, Rolli-Eiscreme u.a.. Einige Schausteller hatten einen Stammplatz auf dem Rummelplatz, wie z.B. Engels Hubert mit seiner Frau „Moppe Lena“ und Sohn Winfried, der später die Geschäfte seiner Eltern übernommen hat und ebenfalls über viele Jahre hinweg mit seiner Frau nach Oberaußem gekommen ist. Familie Engels betrieb ein kleines Kinderkarussell und eine Süßigkeitenbude. Manchmal gab es unter den Ausstellern auch handfeste Streitigkeiten um die besten Standplätze, aber letztendlich hat man sich auch immer wieder vertragen.

 

Kirmes

 

Am ersten Wochenende im September, hielt die Kirmesgesellschaft in jedem Jahr die Oberaußemer Kirmes ab. Auch dieses beliebte Dorffest wurde in einem großen Zelt gefeiert. An Kirmes stand das Zelt aber meistens auf einer Wiese der Familie Berens, in der heutigen Bohnenbachstraße. Natürlich galt für den Zeltstandort bei Regen das gleiche Problem, wie bereits beim Abschnitt Schützenfest beschrieben. Das schönste an der Kirmes war für uns Kinder die Aufweckung und Abholung des Zachhäus, einer mit altem Anzug, Schuhen, Hut und Gesichtsmaske bekleideten Strohpuppe. Am frühen Abend des Kirmessamstages zogen damals noch viele Oberaußemer, fast das halbe Dorf, mit Kind und Kegel, unter Musikbegleitung, zur Overoßemer Hüll, dem mit hohen Bäumen gesäumten Hohlweg, der von der Fortunastraße zur Abts-Acker-Straße führt, um den dort, seit der letzt jährigen Kirmes schlafenden Zachhäus, aufzuwecken. Leute von der Kirmesgesellschaft suchten den schlafenden Zachhäus im Gebüsch unter den hohen Bäumen. In einem festgelegten Ritual wurde er nach seiner Auffindung und seinem Erwachen, dann höflich um die Genehmigung einer Kirmesfeier gebeten. Das Genehmigungsverfahren war ein Zwiegespräch und lief etwa folgendermaßen ab.

Zachhäus: „Wat es dat he für ene Krach? Dobei kann jo ke Mengsch mi schlofe“!

Kirmesgesellschaft: „Tach Zachhaies, mir sen et, dat Overoßemer Kirmesjeloch, mir müssen unbeding met dir kalle“!

Zachhäus: „Wat wellt ihr dann von mir? Lot mich en Rouw, ich bön noch e su mööd“!

Kirmesgesellschaft: „Du häs lang jenoch jeschlofe, e Johr es öm un mir welle widder Kirmes em Dörp fiere“!

Zachhäus: „Nix do, et jit ken Kirmes mie, lot mich en Rouw“!

Kirmesgesellschaft: „Nee, du kanns no der Kirmes widder schlofe, du häs ongs fürijes Johr die Kirmes versproche un jetz welle me se och hänn“!

Zachhäus: „Lot mich en Rohw, ich hänn et üch doch jerad jesad, et jit ken Kirmes mie für Overoßem, lot mich jetz enfach en Rohw“!

Kirmesgesellschaft: „Du bes uns ever die Kirmes scholdig, luer ens ob de Stroß, et sin e suvill Overoßemer zu dir jekumme un die wellen e su jeern widder en Kirmes hänn, vür allem die kleen Kenger henn sich alt e su op dat Fess jefreud. Wells du dann schold sen, wenn die Kenger kriesche un die Aale sich ärgere, nur weil et en disem Johr ken Kirmes em Dörp jit“?

Zachhäus: „Nun jo, dat well ich jo och net. Wievill Dach Kirmes wellt ihr dann henn“?

Kirmesgesellschaft: „ Mir welle wie jedes Johr, fünef Dach Kirmes henn“!

Zachhäus: „Dat es vill zo vill, zwei Dach künnt ihr von mir us henn, ever net mie“!

Kirmesgesellschaft: „Nee, dat es ongs vill ze winnisch, vier Dach müssen et unbeding sen un mir nemmen dich och widder möt en et Zelt, domet du mötfiere kanns un dat janze Spell em Och hale kanns“.

Zachhäus: „Dat hürt sich ejentlich jo net e su schläsch an. Also jot, vier Dach Kirmes künd ihr mengetwäsch henn, ever nur wenn ihr mich och möt nemmt“!

Kirmesgesellschaft: „Danke Zachhaies, e su süll et sen. Komm stank jetz op, domet mer zusamme möt dem janze Overoßemer Volk do, un möt der anjetroddene Jonge von der Ortsvereine un denne von der Feuerwehr nom Zelt trecke künne“.

Nach der erfolgreichen Verhandlung brachte man den Zachhäus aus seinem Schlafquartier hinter den Sträuchern hervor. Alle anwesenden Leute jubelten und die Musikkapelle begrüßte ihn mit einem Tusch. Auf den Schultern eines Mannes von der Kirmesgesellschaft, wurde er dann in einem großen Umzug, mit Beleitung von Fackelträgern der Feuerwehr ins Festzelt gebracht, wo er dann bis zum Ende der Festlichkeiten am Kirmesdienstag, im Zeltdach über der Tanzfläche, seinen festen Platz bekam. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, wurde der Zachhäus dann feierlich von Mitgliedern der Kirmesgesellschaft verbrannt.

Natürlich gab es auch zur Oberaußemer Kirmes immer einen Rummel auf dem Dorfplatz, mit Beteiligung vieler Geschäfte. Es waren meistens die gleichen, wie an Pfingsten beim Schützenfest. <<

 

Messdiener Anfang der 1950ger Jahre

 

>> […] Mit dem Empfang der ersten heiligen Kommunion, erhielt ich dann auch die Lizenz Messdiener zu werden. Eigentlich hatte ich gar keine Lust dazu. Leider hatte der Ortspfarrer Johannes Oehm aber diesbezüglich mit meiner Mutter gesprochen und sie überzeugt, daß die Messdienerei für mich und meine Erziehung das Richtige sei. Es war beschlossene Sache und bereits wenige Tage nach der Kommunion, mußte ich mich zur Messdienerausbildung, beim sehr strengen Küster Hermann Bellen in der Kirche melden. Einige meiner Klassenkameraden wurden ebenfalls Messdiener, ich traf sie dann beim Küster wieder. Nun änderte sich zu meinem Verdruss auch meine Freizeitgestaltung. Ein wesentlicher Anteil meiner Freizeit mußte ich nun der Messdienerei opfern. Da die Pfarrgemeinde Oberaußem zum Erzbistum Köln gehörte, Kardinal Frings war damals der Erzbischof, galt für die Ordnung der heiligen Messe, daß am 19. Juli 1949, von ihm neu herausgegebene Gebet- und Gesangbuch. Während des Gottesdienst herrschte die Lateinische Sprache vor, was auch die Altargebete der Messdiener betroffen hatte. Ich mußte also Kirchen-Latein pauken, wobei mir die Erlernung des „Confiteor`s“ und des „Pater noster`s“ erhebliche Mühe bereitet hatte. Aber wir wurden in der Messdienerausbildung darauf gedrillt und ständig vom Pastor Johannes Oehm und dem damaligen Kaplan Walter Wiese, bezüglich unserer Lateinkünste abgefragt. Kaplan Wiese zeigte dabei stets viel Geduld mit seiner neuen Truppe, was man vom Pfarrer Oehm aber leider nicht sagen kann. Er war sehr streng, forderte rasch perfekte Ergebnisse und seine rechte Hand saß recht locker bei der Verteilung von Ohrfeigen. Zufrieden war er erst, als alle Neulinge diszipliniert waren und alle die lateinischen Messgebete perfekt herunterrasseln konnten, wobei wir die deutsche Bedeutung der Texte aber kaum kannten.

Die Einstudierung, der in den verschiedensten Arten der heiligen Messen, den Priestern zu leistenden Kirchenhilfsdienste und deren Abläufe, erfolgte unter dem strengen Regiment von Küster Bellen. Besonders bei der Einstudierung der Messdienerdienste und der Messabläufe an hohen Kirchenfeiertagen, bei denen manchmal gleichzeitig mehr als zehn Messdiener, für verschiedene Aufgaben, gemeinsam mit mehreren Priestern agierten, legte er stets größten Wert auf einen korrekten, tadellosen Auftritt seiner Messdienergruppe. Natürlich achteten dabei die Pfarrherren und der Küster auch auf das äußere Erscheinungsbild mit Bekleidung und Haarschnitt.

Das führte rasch dazu, daß ich jeden Monat zum Friseur Franz Hensen „Hensens Fränz“ zum Haarschneiden gehen mußte.

Mein erster öffentlicher Auftritt als Messdiener fand am Pfingstsonntag 1954 statt. Es war natürlich ein niedriger Dienst. Zusammen mit noch fünf weiteren Neumessdienern, durfte ich im Hochamt einen Kerzenleuchter tragen. Dafür haben wir mit dem Kaplan und dem Küster sehr lange in der Kirche immer wieder alle Formationen und Schritte einstudiert und geprobt. Die höheren Dienste, wie der direkte Altardienst für die Priester oder das Weihrauchfass tragen und schwenken, wurden von den älteren, diensterfahrenen Messdienern, bzw. von den damaligen Obermessdienern Dieter Germund und Günter Gerecht ausgeführt. Aber bereits nach wenigen Wochen, durfte ich dann gemeinsam mit dem älteren, auch bereits erfahrenen Messdiener Christian Libon, zum ersten mal den direkten Dienst für den Priester am Altar leisten. Danach galt auch ich als ein vollwertiger Messdiener, der alle anfallenden Hilfsdienste, in allen Formen der heiligen Messen leisten konnte. Nun wurde ich regelmäßig für die Gottesdienste eingeteilt. Es gab jede Woche eine Messdienerstunde mit dem Kaplan. Hier wurde gespielt, herumgetobt, gelernt, geprobt und die Wochen-Dienstaufteilung für die jeweiligen Messen sowie die anstehenden Kirchenveranstaltungen besprochen und festgelegt.

Kaplan Walter Wiese, er war von 1952 – 1955 in Oberaußem, war allgemein sehr beliebt im Ort und vor allem bei den Messdienern gewesen. Er war ein echter Kumpeltyp und beteiligte sich fast an allen Aktivitäten der Ortsjugend, wie Sport, Spiel, Radtouren und im Winter saß er wie selbstverständlich mit auf den Rodelschlitten.

Bei einer der ersten Messen, die ich mit Kaplan Wiese feiern durfte, war mir dann etwas passiert, was der Alptraum jedes Messdieners war. Während einer Messe mußte vom Messdiener mehrfach das recht schwere große Altargebetbuch mit dem Holzpult, von einer zur anderen Altarseite getragen werden. Ich hatte das ganze Unterfangen unterschätzt und hatte das Pult mit dem schweren Buch ganz vorne gepackt. Während der Umsetzung zur anderen Altarseite war die Belastung für meine Arme und Hände immer schwerer geworden. Mit letzter Kraft hatte ich die rechte Altarseite noch erreicht. Zu meinem und des Kaplans Leidwesen, konnte ich das Pult, mit dem daraufliegenden Gebetbuch, aber nicht mehr anheben und auf dem Altar absetzen. Ich stieß mit dem Pult heftig gegen den Altar, wobei das schwere Buch, vom Pult nach vorne herunter und auf dem Altar, weiter gegen die Kerzenständer rutschte und zwei davon, mitsamt den brennenden Kerzen zum Umstürzen gebracht hat. Ganz ruhig und gelassen beseitigte Kaplan Wiese die Folgen meines Unglücks und brachte mit mir zusammen die Messe zum Ende. In der Sakristei gab es kein böses Wort von ihm, im Gegenteil, er zeigte Verständnis für mich und tröstete mich damit, daß er als Messdiener einmal das gleiche Unglück erlebt habe. Dann gab er mir den Rat, zukünftig das schwere Pult weiter hinten zu packen und es gegen den eigenen Körper zu pressen. Dies war die Lösung für mein Transportproblem. Danach passierte mir ein solches Missgeschick nicht mehr. Natürlich ist das Ganze auch unser Geheimnis geblieben.

Als der Kaplan Walter Wiese, nach fast vier Jahren, Oberaußem verließ, herrschte allgemein eine gewisse Traurigkeit in der Gemeinde. In meiner Messdienerzeit habe ich dann noch die Kapläne Karl Klemens Heinrich Brabeck, 1955 – 57 und Gregor Neumann 1957 – 60 erlebt.

Zu Gregor Neumann fällt mir ein besonderes Erlebnis ein. Ihm diente ich einmal in einer Frühmesse, während der Wandlung kniete der Messdiener damals direkt auf der Altarstufe hinter dem Priester, so ich auch in dieser Frühmesse. Als der Kaplan Neumann sich bei der Wandlung nach vorne beugte, um den Altar zu küssen, ließ er einen lauten Furz los, den jeder der anwesenden Gottesdienstbesucher, in der ruhigen Kirche laut und deutlich wahrgenommen hat. Ich hatte dazu noch das Pech, aufgrund der Körpernähe, dem unangenehmen Gestank dieses lauten Magenwindes ausgesetzt zu sein. Da ich in solchen Dingen schon als Kind sehr pingelich und empfindlich gewesen bin, war es mir fast übel geworden. Kaplan Neumann ließ sich dadurch aber nicht in seiner Messfeier stören. Nicht einmal nach der Messe hatte er ein Wort der Entschuldigung für mich übrig. Natürlich hat dieses Missgeschick des Priesters sich auch rasch im Dorf herumgesprochen, was seinen ohnehin nicht großen Beliebtheitswert natürlich auch nicht gerade gesteigert hat.

Bei den Messdienern war er auch nicht allzu beliebt. Er war streng, unnahbar und ich glaube auch etwas ungerecht. Er hatte Lieblinge, die von ihm bevorzugt behandelt wurden. Ich gehörte nicht dazu. Meist wurde ich von ihm zum Dienst in den Frühmessen und sonntäglichen Andachten eingeteilt, was mir gar nicht gefiel. Zur Frühmesse, sie begann um 6:15 Uhr, musste ich bereits um 5:30 Uhr aufstehen und zur Kirche gehen, egal ob es stürmte, regnete oder schneite. Pünktlichkeit war oberstes Gebot, zumal Herr Bellen es gerne sah, wenn die Kirchenglocken eine viertel Stunde vor Messbeginn, von den eingeteilten Messdienern geläutet wurden, wobei ich hierzu sagen möchte, daß diese Arbeit besonders viel Spaß machte.

Eine für die Messdiener anstrengende aber auch schöne Zeit war die Karwoche mit dem Osterfest. Hier waren Sonderdienste zu erledigen. Laut einer alten Kirchlichen Legende, fliegen nach der Gründonnerstagsmesse alle Kirchenglocken nach Rom und kommen erst in der Osternacht von dort, mit besonderem Segen versehen, zurück in ihre Heimatkirchen. Aus diesem Grund wird noch heute das Glockengeläute, von Gründonnerstagabend bis zum Karsamstagabend, von den Messdienern morgens, mittags und abends, mit Holzklappern und dies begleitenden, althergebrachten Informationsgesängen ersetzt.

So sangen wir, zum Klappergeräusch z. B. folgende Begleitsprüche:

Morgens um sechs Uhr: „Morjensglock zum iertste mol, Löck stoot op de Zeck es do“.

Mittags um zwölf Uhr: „Meddach, löck joot heem de Zupp es jaar“.

Abends um sechs Uhr: „Ovendsglock zum letzte mol, Löck joot heem de Zeck es do“.

Als Einladung zum Gottesdienst: “Zusamme, wer zo späät kütt muß sich schamme“.

Ich besaß leider keine eigene Holzrassel. Aber aufgrund der Freundschaft meiner Großmutter mit der Bauernfamilie Schönen, hatte auch ich stets eine Rassel zur Verfügung. Das kleine landwirtschaftliche Anwesen der Familie Schönen befand sich an der Niederaußemerstraße, Ecke – Zum Bohnenbach, gegenüber vom Hof Rüntz, auf dem Gelände des einstigen Kätzgenhofes. Der kleine Hof war etwas tiefer in einer Mulde gelegen und konnte von der Niederaußemerstraße her gut eingesehen werden. Er fiel auch durch den ständig vor dem Wohnhaus und den Nebengebäuden zur Straßenseite hin gelegenen großen Misthaufen auf. Wilhelm Schönen ist mir noch als freundlicher Mann in guter Erinnerung. Zur Karwoche erhielt ich seine sehr alte, handgefertigte, schön verzierte Holzklapper, als Leihgabe. Nach seiner eigenen Aussage war ich der einzige, dem er dieses, von ihm sehr geliebte Familienerbstück, zum „Messdiener-Rasseln“ jemals  anvertraut und ausgeliehen hat.

Am Karsamstag haben die Messdiener bei der Ortsbevölke­rung Ostereier oder Geldspenden gesammelt. Unser Gesangstext zur Rasselbegleitung lautete dabei: „He kumme die Jonge die jerasselt henn, die hödden och jään e Osterei“. Die eingesammelten Eier wurden anschließend aufgeteilt. Natürlich bekam der Pfarrer Oehm auch einen Anteil, auf den seine Haushälterin, wir nannten sie liebevoll „Tante Clara“, bereits gewartet hatte. Das zusammengekommene Geld kam zum größten Teil in die Messdienerkasse, wobei natürlich auch hiervon stets ein Teil an den Pfarrherrn  abzugeben war.

Bei allen Gottesdiensten, die damals in die morgendliche Schulzeit fielen, wurden stets zwei oder drei Messdiener vom Unterricht befreit. Das galt auch für Beerdigungen im Ort. Der Dienst bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen war bei allen Messdienern sehr begehrt. Hierbei fiel meistens ein persönliches kleines Trinkgeld ab, das man behalten durfte.

Ich habe als Messdiener viele Taufen und Hochzeiten erlebt und auch so manch einen einstigen Oberaussemer Bürger mit zu Grabe geleitet.

Einige Höhepunkte im Messdienerjahr waren: die Weihnachts-Christmette, die Karfreitagsfeier, an Ostern die Auferstehungs-­Messe, die Fronleichnams-Prozession durch den stets festlich geschmückten Ort, an Allerheiligen und Allerseelen die Prozessionen über den Friedhof mit der Segnung der reich geschmückten Gräber und im Frühjahr die frühmorgendliche Bittprozession durch die Felder der Gemeinde.

Noch recht gute Erinnerungen habe ich an einige der damaligen Messdienerfahrten, wie die zum Altenberger Dom, zum Drachenfels in Königswinter, nach Roermond und zum Missionarskloster Steyl in Holland. […]<<