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Erinnerungen an Günther Grass und seine Beziehung zu Oberaussem

Der Blick von der alten Kastanie über Oberaussem

In seinem Buch "Die Blechtrommel" beschreibt Günter Grass seine Eindrücke von der Aussicht, die er beim Verweilen unter der mächtigen alten Kastanie am Oberaußemer Friedhof, gewonnen hat.

Die Projektleiter des Stadtteilforums Oberaussem haben in der Sitzung am 09.03.2005 einstimmig beschlossen, an diesem Ort eine Bronzetafel in Erinnerung an Günter Grass anzubringen.

Den Entwurf der Erinnerungstafel sollte der einstige Studienkollege von Günter Grass, der in Oberaußem lebende Bildhauer Heinrich Klein-Arendt erstellen.

Die nachfolgenden Bilder zeigen von links nach rechts:

  • Gemeinsam mit Josef Wagner vom Stadtteilforum Oberaussem nimmt der Bildhauer Heinz Klein-Arendt die Örtlichkeit in Augenschein, an der später die Erinnerungstafel für Günter Grass angebracht werden soll.
  • So muss es sein. Klein-Arendt erklärt Josef Wagner, wie er sich eine Erinnerungstafel vorstellen könnte.
  • Heinz Klein-Arendt mit Günter Grass in der Kunstakademie in Düsseldorf während des Studiums. Im Vordergrund sitzend Heinrich Klein-Arendt, im Hintergrund stehend Günter Grass.

 

12/20/05

Erinnerung an Günter Grass

Mit der Fertigstellung der Bronzetafel, die an Günter Grass erinnern soll, ist ein weiterer Schritt in Richtung Vollendung des Projektes getan worden. Wenn die Tage wieder länger werden und die Temperaturen angenehmer sind, wird die Tafel an die Friedhofswand montiert und die Örtlichkeit in einer kleinen Feierstunde der Öffentlichkeit übergeben. An dieser Stelle möchten wir uns bedanken bei den Sponsoren, die durch ihre Mitwirkung erheblich zu dem Gelingen beigetragen haben.

 

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Rhein-Erft Rundschau v. 21. September 2006

Günter Grass schreibt, wie er seine Familie in Fliesteden fand

 

von HEINZ-LUDWIG KANZLER

"Ich umarmte Überlebende"

BERGHEIM. Wenn es nach seinem Vater gegangen wäre, hätte der Schriftsteller Günter Grass kurz nach dem Krieg eine Lehre in der Verwaltung von Rheinbraun begonnen. Der Vater, der Hilfspförtner im Kraftwerk Fortuna-Nord war, hatte ihm dort eine Lehrstelle besorgt. Doch der 19-Jährige weigerte sich, er wollte lieber Künstler werden, Bildhauer.

 

In seiner jetzt erschienenen Autobiografie erzählt Günter Grass, wie er seine Eltern Helene und Willy Grass kurz nach Kriegsende im Kreis Bergheim wiederfand und seinen Vater auslachte, als der ihm stolz von der Lehrstelle berichtete.

 

Grass erzählt auch, dass er bereits im Frühjahr 1946 bei einem Bauern für kurze Zeit irgendwo im Kreis Bergheim gearbeitet hat. Er berichtet, dass er während des Pflügens das Pferd am Halfter führte, mit einem "debilen Knecht" in einer engen Kammer schlief und ein Auge auf eine Melkerin aus Ostpreußen geworfen hatte, die ihn zu einigen Gedichten inspirierte, die aber bereits der Bauer "in Besitz genommen hatte".

Seine Eltern fand Grass Ende 1946 oder Anfang 1947 wieder. Er hatte erfahren, dass die Flüchtlinge aus Danzig auf einem großen Bauernhof in Fliesteden untergekommen waren. In seiner Autobiografie schildert Grass das Wiedersehen an der Bushaltestelle des Dorfes. Die Eltern und die Schwester Waltraut wollten gerade nach Bergheim fahren, um Zuzugspapiere abstempeln zu lassen, als er aus dem Bus stieg. "Ich umarmte Überlebende, die mit dem Schrecken davon gekommen waren", schreibt Grass.

 

Die wiedervereinte Familie wohnte auf einem großen Bauernhof in Fliesteden in einer Futterküche, die in jenem "schrecklichen Winter 1946/ 47" eiskalt war. Bald fanden die Eltern und die Schwester ein Zimmer im benachbarten Büsdorf in der heutigen Fliestedener Straße, wie Zeitzeugen der Rundschau erzählt haben.

 

Grass selbst war vom 3. Februar bis 3. März in der heutigen Windmühlenstraße 11 gemeldet. Er erwähnt dies in seiner Autobiografie nicht, doch die Stadt Bergheim hat noch die Meldekarte in ihrem Archiv, auch einige ältere Büsdorfer erinnern sich daran. Laut Meldekarte ist der Schüler Grass nach Düsseldorf verzogen.

 

In seiner Autobiografie beschreibt Grass auch seine Aufenthalte in Oberaussem, wo seine Eltern schließlich eine Wohnung in der Reutergasse fanden, wie Zeitzeugen berichteten. In Oberaussem wurde 1954 seine Mutter beerdigt.

 

Grass erwähnt auch den Blick vom Oberaussemer Friedhof auf das Kraftwerk Fortuna-Nord, das "mächtig Dampf machte". Diesen Ausblick hat Grass in seinem Roman "Die Blechtrommel" beschrieben. Überhaupt finden sich in seinen frühen Romanen - zum Beispiel "Die Hundejahre" - viele Ortsnamen aus dem Kreis Bergheim.

 

Grass erzählt auch vom Streit mit seinem Vater wegen der Lehrstelle, die ihm der Sohn mit Gelächter dankte. "Ich als Bürohengst? Lächerlich." Grass machte sich bald davon, um Bildhauer zu werden. Er marschierte von Büsdorf zu Fuß durch tiefen Schnee nach Stommeln, mit dem Seesack auf dem Rücken und "gierig nach Kunst", wie er in seiner Autobiografie schreibt, um dort mit dem Zug nach Düsseldorf zu fahren. Diesen Marsch hat er in den "Hundejahren" mit Ortsangaben beschrieben.

 

Später besuchte er seine Eltern immer wieder in Oberaussem. Sein Vater wohnte bis in die 60er Jahre in der Reutergasse, dann zog er mit seiner Partnerin nach Opladen.

 

 

 

Gedenkstein Friedhof Oberaussem

Im Rahmen der Geschichtsaufarbeitung von Oberaussem, wurde ein weiterer Beziehungspunkt  zwischen dem „Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass“ und Oberaussem offenkundig. Hierbei handelt es sich um die Grabstelle des einstigen Gemeindevorstehers Johann Nicolin und seiner Ehefrau Gertrud geb. Vasen. Das Grab befindet sich auf dem alten Friedhof von Oberaussem, an der Friedhofsmauer nahe der großen Kastanie. Der erste, dort aufgestellte Grabstein wurde von einem über die Frauweiler Linie mit der Oberaussemer Familie Nicolin verwandten Steinmetz, Julius Göbel aus Düsseldorf Benrath geliefert. Günter Grass hatte 1945/46 als Praktikant bei der Fa. Göbel gearbeitet und war an der Anfertigung und Aufstellung des Grabsteines persönlich beteiligt.

Eine diesbezügliche, schriftlichen Anfrage von Daniel Wagner, am 19.10.2011, an Günter Grass wurde von dessen Sekretariat wie folgt beantwortet:

Von: Hilke Ohsoling Sekretariat Günter Grass <hohsoling@steidl.de>

Datum: 25. Oktober 2011 09:13

Betreff: Steinmetzarbeit in Oberaussem

An: Daniel Wagner,

Sehr geehrter Herr Wagner,

Ihr Mail und das Foto vom Stein habe ich Herrn Grass vorgelegt. Ja, er kann sich an die

Arbeit erinnern. Der Stein stammt nicht von ihm allein, doch hat Herr Grass als Praktikant

daran mitgearbeitet.

Herzliche Grüße, ausdrücklich auch im Namen von Günter Grass, aus Lübeck

Hilke Ohsoling

Sekretariat Günter Grass

Seit 2005 ruht in der Grabstelle seiner Eltern der Gärtner Johann Nicolin.

Der besagte Grabstein wurde vor einigen Jahren entfernt und durch eine Grababdeckung mit Erinnerungsstein ersetzt. Bedauerlicher Weise ist der alte Stein heute nicht mehr auffindbar. Diesbezügliche Nachforschungen der Familie Nicolin und des Stadtteilforums Oberaussem verliefen leider negativ.

Inzwischen hat man beim Stadtteil-Forum beschlossen, mit finanzieller Unterstützung der Stadt Bergheim, eine Kopie des Grabstein anfertigen zu lassen und diese in der Nähe der Familiengrabstelle Nicolin als Denkmal aufzustellen.

 

Der alte Grabstein Nicolin, der von Günter Grass mit gefertigt und aufgestellt wurde
Die Familiengrabstelle Nicolin heute