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Die Traditionsgastwirtschaft Poulheim

Die Federzeichnung von Willi Weiss, zeigt die einstige Gaststätte Poulheim in der Büsdorfer Straße, um das Jahr 1938
Stolze Autobesitzer vor der Gaststätte Poulheim in den 1930ger Jahren
Wilhelm Schneider (Wisel), der Großvater von Kathrin Überschär vor dem Lokal von Hermann Poulheim.
So sieht das Gebäude der einstigen Flurkneipe heute am 24.02.2010 aus

In Oberaußem gab es schon in früher Zeit eine beachtliche Anzahl von Gaststätten. Um das Jahr 1900 waren das z.B.:

Das Gasthaus zur Linde,

Die Gastwirtschaft von Edmund Wintz „Bei Höngchens“

Die Gastwirtschaft von Michael Esser, „Brennerei Esser“

Die Restauration Rüntz

Die Gaststätte Poulheim

Die Gastwirtschaft Neukirchen

 

Nachfolgend soll die Traditionsgaststätte „Poulheim“ etwas näher beleuchtet werden.

 

Hierbei handelte es sich um einen der älteren gastwirtschaftlichen Betriebe in Oberaußem, eine so genannte „Flurkneipe“.

Der erste Wirt war Hermann Poulheim. Er hatte schon weit vor dem 1. Weltkrieg, also etwa gegen 1900, die Schankerlaubnis vom damaligen deutschen Kaiser Wilhelm II. für sein Lokal in der Büsdorfer Straße erhalten.

Nach Hermann Poulheim hatten dessen Kinder, die Geschwister Poulheim, den kleinen Betrieb übernommen. Der Sohn, er hieß ebenfalls Hermann, im Volksmund „Pullems Hermännche“ genannt, hatte das Lokal bis Anfang der 1960ger Jahre selbst geführt. Von seinen Erben pachtete dann Katharina Überschär (Wisels Kathrin) die kleine Kneipe. Sie war die Tochter des Bäckers Wilhelm Schneider, der gegenüber von der Kneipe seine Bäckerei hatte. Somit war Katharina Überschär als Kind eine Nachbarin von der Familie Poulheim gewesen und kannte die Geschichte des Betriebes z.T. aus eigener Erfahrung. Aus ihr überlieferten Erzählungen alter Oberaußemer, weiß sie noch heute bemerkenswertes aus der Vergangenheit der Gaststätte zu berichten. So erzählt Kathrin wie folgt: „Der Schankraum bei Poulheims war täglich bereits in aller Herrgottsfrühe geöffnet. Viele Bergleute, die in der Grube Fortuna arbeiteten, kehrten bereits vor Schichtbeginn, also vor 6 Uhr morgens hier ein, um sich ein „Büddelchen Korn“, zur Stärkung vor dem schweren Tagewerk zu genehmigen. Das es sich bei dem bei Poulheims ausgeschenkten Korn, um den „Ahlen Overoßemer“, aus der hiesigen Kornbrennerei Esser gehandelt hat, war damals wohl selbstverständlich.

Nach dem nachmittäglichen Schichtwechsel bei den Braunkohlenbetrieben, herrschte meistens Hochbetrieb in der kleinen Kneipe. Vor dem Lokal standen dann oft so viele Fahrräder der Bergleute, dass die Passanten der Büsdorfer Straße an Pullems Hermann net lans kamen.“

Im Laufe der Zeit haben sich aber die Trinkgewohnheiten stark verändert. Als Frau Überschär die Gaststätte führte, war das frühe Körnchen nicht mehr in Mode. Zu ihren Stammgästen zählten aber noch etliche Mitarbeiter der Braunkohlenbetriebe, die nach Dienstende gemeinsam bei ihr einkehrten und bei einem guten Bier den Arbeitstag hier ausklingen ließen.

Bei Überschärs trafen sich aber auch viele junge Oberaußemer, die zusammen mit alten Urgesteinen unseres Ortes, wie Luchtse Adam mit seiner Frau, Lokums Paul und anderen, eine illustere Gästegemeinschaft bildeten. Es wurde sich stets auf gutem Niveau unterhalten und auch oft heiß diskutiert, wobei der Ehemann von Katharina, Karl Rudolf Überschär (geb. 1919, gest. 1992), oft eine überragende und für die Jungen Menschen vorbildliche, lehrreiche Rolle spielte. Nebenbei gab es auch noch das gepflegteste Bier bei Überschärs, wobei das eigentlich in unserer Gegend nicht so häufig ausgeschenkte Andreaspils, auf der Beliebtheitsskala obenan stand. Rundum gesagt, wir gingen gerne zu Kathrin und Karl. Zum Leidwesen vieler älterer und junger Stammgäste, wurde das traditionsreiche Lokal 1972 geschlossen. Der Besitzer wollte die Räumlichkeiten des Anwesens einem anderen Verwendungszweck zuführen.

Viele damalige junge Stammgäste haben das Lokal mit einer spektakulären Feier, am Abend des 14. August 1972, symbolich unter großer Anteilnahme zu Grabe getragen. Die örtliche Presse berichtete ausführlich über diese „Trauerfeier“.

Das noch bestehende Anwesen in der Büsdorferstraße, beherbergt heute nach einigen Umbauten, dem Trend der Zeit folgend, eine Pizzeria.

 

Das Ende der Flurkneipe Überschär -1972-

Der Tag ( Montag, 14.8.1972) war sehr heiß. Die Dunkelheit war angebrochen und ein Gewitter mit Regen brachte nur wenig Kühlung. Der Regens war noch nicht vorbei, als die Trauernden sich jammernd und klagend und mit viel Krach in Bewegung setzten. Vom Abtshof in der Fortunastraße, dem Wohnort von Rainer Wintz, zogen sie los, quer durch Oberaussem bis hin zur "Ahl Kneip" in der Büsdorfer Straße. Oberaussemer, die von all dem nichts wußten und zufällig Zeuge dieses Trauerzuges wurden, schüttelten nur noch den Kopf. An der Spitze des Zuges trugen Willi Haas und Hans Griese das Bierfaß. Hans Gerd Hardt (Harte Köbes) schlug die "dicke Trumm". Auf einem Bolderwagen befand sich ein etwas zu klein geratener Sarg, in dem Rainer Wintz anstelle der "Ahl Kneip" den Leichnam spielte.

Am Ziel angekommen, stellten sich die Teilnehmer und weitere Personen zu einem Erinnerungsfoto auf.

Personen v. links stehend: Gerd Hardt, Gerd Friedt, Hannelore ?, (unbek. Besuch aus Berlin), Katharina Überschär (Wisels Kathrin), Karl Überschär, Wolfgang Hoch, Margret Zilles, Rainer Wintz (v. Zuglampe verdeckt), Walter Weitz, Andy Außem, Uschi Seidel, Liesel Reimann, Ursula Hennemann

Personen kniend: Alfred (Ali) Polzer, Willi Haas, Gerd Zilles, Hans Griese

 

Auch die Lokalpresse widmete sich der ungewöhnlichen Trauerfeier.

Nachfolgend ein entsprechender Artikel in der Ausgabe der Kölnischen Rundschau vom August 1972!