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Oberaußem zur Zeit der französischen Besetzung

 

Ausarbeitung von Ulrich Reimann, 2007

 

Diese Ausarbeitung von Ulrich Reimann basiert auf eigenen Recherchen in Oberaußem, aber überwiegend auf bereits erfolgten Veröffentlichungen, insbesondere auf denen des einstigen Kerpener Rektors Hans Höner, wobei zum Teil auch Originaltexte aus diesen veröffentlichten Arbeiten hier wörtlich übernommen wurden. Alle Informationsquellen sind, sofern nicht im Text direkt erwähnt, am Ende dieser Ausarbeitung einzeln aufgeführt und zusammengefaßt.

 

In der Zeit von Oktober 1794 bis 1814 war das Rheinland von Frankreich besetzt. Auch das damalige Amt Bergheim, mit dem Ort Oberaußem, gehörte folglich zum Besatzungsbereich der Franzosen und hatte wie fast alle Stätte und Dörfer des Rheinlandes teilweise davon profitiert aber auch sehr darunter gelitten.

 

Recht detaillierte Einblicke in die französische Zeit bietet das Buch: „Die rheinische Dorfchronik des Joan Peter Delhoven aus Dormagen“, (geb. am 3.2.1766, gest. 1.1.1824). Er berichtet recht bemerkenswert, meist sehr minutiös, in einer Art Tagebuch über seine persönlichen Erlebnisse, das allgemeine Leben und die Ereignisse in seinem Heimatort und dem näheren Umfeld, über den Zeitraum von 1783 – 1823. Auch die übergeordneten politischen Ereignisse und die daraus für Frankreich, Deutschland und vor allem für das Rheinland resultierenden Konsequenzen finden Beachtung in seinem Werk. Da Dormagen wie das nahe gelegene, benachbarte Oberaußem, zur Zeit des französischen Einmarsches zum Herzogtum Jülich gehörte, ist davon auszugehen, daß ein großer Teil des von Delhoven beschriebenen Geschehens auch direkt auf unseren Heimatort beziehbar ist. Die Herausgeber der Buchneuauflage von 1966 sehen die Dormagener Dorfchronik als Zeitbild, das uns Informationen über alle möglichen Dinge bietet, wie: Wetter, Temperaturen, Saatstände, Ernten, Seuchen, Überschwemmungen, Eisgang, Damm- und Wegebau, Brände, Änderungen in Gerichts- und Verwaltungsdingen, Preise, Währung (Assignate), Truppendurchzüge, Einquartierungs- und Verpflegungswesen, Contributionen, Säcularisistion, Kriegsereignisse, hohe Politik, sowie zu sonstigen Vorgängen des täglichen Lebens im kirchlichen und kulturellen Bereich. Die in dieser Ausarbeitung verwendeten Auszüge aus der Dorfchronik von Delhoven sowie von anderen Zeitzeugen, sind hier überwiegend als Originaltexte mit der damals gebräuchlichen Sprachform und Ausdrucksweise wiedergegeben.

Interessant für unseren Heimatort Oberaußem sind folgende allgemeine Berichte aus den Aufzeichnungen von Joan Peter Delhoven.

25.3. 1791. Das Tabak-Rauchen auf offener Gasse, in Schreiner-, Schneider- und allen feuerfangenden Werkstuben wird schärfest verbothen und die Edicte gegen das Strohdecken scharf erneuert. Wenn ein nach dem Verboth mit Stroh gedecktes Haus abbrennt, so hat der Eigenthümer keinen Nachlas zu gewarten.

Er berichtet auch über das 1791 in unserer Heimat stark grassierende Fleckenfieber, dem sehr viele Menschen zum Opfer fielen.

Über ein schreckliches Gewitter, das Oberaußem am 21. Mai 1792 heimsuchte, schreibt er wie folgt:

Am 21. zohe ein Gewitter vorbey, welches uns warmen Regen hinterliesse. Dieses hat zu Oberaussem, Pulheim, Stommel. Roggendorf, das Worringer Espel, Fühlingen, Hittorf und hoch im Gebirg schrecklichen Schaden getan, es fielen Hagelsteine von 18 Loth.

30. Gestern gienge ich mit den Schefen Steinberger in die Gegend von Bergheim. Vor Stommel ware schon der zehnte Theil vom Korn zerschlagen; je weiter linker Hand, desto stärker ware der Schade. Höher auf Fliesten ware alles total zerschlagen, Gerst, Korn und Sahmen, als wenn eine Armee darüber marschieret wäre. Auf einem Acker waren mehr denn 30 Menschen am mähen, binden und hinwegfahren, um zu trocknen. Einige bauen die Stoppeln in die Brach; andere bauen und sähen Sommergerst, Buchweitz und Erbsen darein. Es war ein betrübter Anblick: hie auf einer Brach lagen ganze Haufen grünes Korns, dort standen Haufen getrocknet, überall ward gemähet, was keine Frucht bringt. Büsdorf, Oberaussem, Bergheim und Ziverich ist nur an der linken Feld Seithe getroffen. Allenthalben versicherte man uns, das Wetter habe schon hinten Eschweiler, wie in diesen Gegenden, alles verwüstet. Auch sagten mir Viele, dass sie die Hagelsteine 5/4 Pf. schwer befunden haben; es wären platte Schollen gewesen, rundum zackicht und inwendig ein schwarzer Stern. Kurz solchen Hagelschlag haben wir bey Menschgedenk nicht erlebt.

 

Über die Französische Besatzungszeit von Oberaußem selbst, findet sich in den Archiven und den noch vorhandenen Zeit-Zeugnissen eigentlich recht wenig.

Recherchen des Chronisten Gerd Friedt, brachten eine Einwohnerliste von Oberaußem aus der Franzosenzeit von 1799 zutage. Friedt schreibt dazu: Die Liste von 1799 zeigt neben den Familiennamen auch noch die Berufe der Haushaltungsvorstände an. Zudem ergibt sich aus dieser Liste die Dauer der Ortsansässigkeit.

1799 lebten in Oberaussem 347 Seelen in ca. neunzig Häusern, kleineren Höfen und einigen größeren bäuerlichen Hofanlagen: Abbshof, Clarenhoff, Fleurshof, Zehnhoff, Katzenhoff, Unterer Hof – Hallerhof - Berenshof, Neuenahrer Hof.

An Berufen der Einwohner werden aufgelistet: 44 Tagelöhner, 28 Ackerer, 2 Schmiede/Hufschmiede, 1 Förster, 4 Schuster / Schumacher, 1 Kaufmann/Händler, 4 Leinweber, 5 Landwirtschaftspächter, 3 Lumpensammler, 1 Zimmermann, 2 Schneider, 1 Tischler/Schreiner, 1 Böttcher/Fassmacher, 1 Waagemeister, 1 Pfarrer, 1 Haushaltsvorstand und zwar Georg Langen ist blind und übt keinen Beruf aus.

Die nachfolgende Tabelle enthält die von Gerd Friedt ermittelten Oberaußemer Familiennamen Anno 1799, die in Klammer stehenden Jahreszahlen bedeuten im Ort ansässig seit.

Abels Gymnich (1796) Lemper Roggendorf (1789)
Beck Hausmann Lipp (1794) Rolshoven (1753)
Berens Hecker Lüngen (1778) Rasquin (1754)
Buntenbroch Hilger Lamertz (1765) Schauff
Braun Hüntgen (1794) Mondag Schmitz
Breuer Hoffmann (1795) Mödder Schneider
Brücken Hintzen (1796) Massen (1796) Schreyer
Brusterbach Hahn (1795) Muck (1777) Schumacher
Canes Jungbluth Mentzer (1798) Schwelm
Conraths Jungverdorben Meusch (1786) Steinheuer
Krantz Jau (1786) Nohr (1778) Strack (1792)
Cremer Jabergel (1761) Klein Schwab (1792)
Dünwald Kemmerling Kuntz (1743) Strautz (1749)
Dusterwald Kerbusch Kolping (1796) Schweren (1773)
Dick (1786 ) Klein Odenelle Torff (1763 )
Düren (1749) Kuntz ( 1743 ) Pool Uhles
Essenmacher (1761) Knoff (1789) Pfeiffer (1782) Wyland ( 1795)
Feiten (1775) Kahn (1790) Putz ( 1736) Wolff
Fuchs (1779) Kraus (1770) Roubsteck Wolter
Faßbender (1792) Langen Robertz Weitz (1743)

Viele dieser alten Namen und Erwähnung der bäuerlichen Hofanlagen findet man auch auf einem handgeschriebenen Grabplan des alten Oberaußemer Friedhofes wieder. Der Plan stammt laut Recherchen von Christian Kämmerling, aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Er wurde wahrscheinlich vom damaligen Pfarrer Neuen (1762 – 1795 in Oberaußem) angefertigt

 

Der eine oder andere alte Oberaußemer findet in der obigen Namensliste sicherlich seinen eigenen Namen oder den seiner Vorfahren wieder. Viele der alten Nahmen sind aber heute in unserem Ort nicht mehr vertreten. Vergleicht man die heutigen Oberaußemer Familiennamen mit denen der Liste von 1799, kann man schnell feststellen, dass der überwiegende Teil unserer Ortsbewohner keine alten Wurzeln im Dorf hat sondern zugezogen ist und hier heimisch wurde.

 

Vor der französischen Besatzungszeit war die kath. Kirche mit ihren Würdenträgern und Einrichtungen eine der bestimmenden Faktoren im Leben unseres ländlich geprägten Heimatortes.

 

Mit der Machtübernahme der Franzosen im Rheinland änderte sich dieses aber auch hier sehr rasch. Der Einfluß der Kirche wurde sehr stark eingeschränkt, konnte aber nie ganz ausgeschaltet werden. Die Oberaußemer Pfarrer während der zwanzigjährigen französischen Besatzungszeit waren:

 

Bis 1795 Johann Andreas Neuen.

 

1795 – 1806 Jakob Maintz. Hierzu ist erwähnenswert, das er trotz der Entmachtung der Geistlichkeit durch die Franzosen noch bis zum 3. Januar 1796 die Trauregister und bis Ende Januar 1798 die Sterberegister von Oberaußem geführt hat.

 

1806 – 1811 war der Franziskaner-Pater (Symmachus) Everhard Otten hiesiger Pfarrer.

 

1811 – 1813 Franz Arnold Linden, ein ehemaliger Professor aus Bergheim, der schwindsüchtig nach Oberaußem kam und früh verstarb.

 

Der letzte Pfarrer der noch die Franzosenherrschaft miterlebte, war ab 1813 Anton Hofschlag aus Köln, der ab 1811 Pfarrer in Thorr gewesen war.

 

Belegt ist für Oberaußem, das der Bau des alten Oberaußemer Pfarrhauses, der 1847 nach Plänen des Baumeisters Schopen für 7800 Mark unter der Leitung von Hermann Hintzen vom Fleurshof erfolgte, auf die Dekrete des französischen Kaisers Napoleon vom 30. Dezember 18o9 und vom 6. November 1813 zurückzuführen sind.

 

Die Kaiserlichen Dekrete verfügten im Art. 92: Die Lasten der Gemeinde sind; dem Pfarrer ein Pfarrhaus, oder in Ermangelung eines Pfarrhauses eine Wohnung, oder in Ermangelung eines Pfarrhauses oder einer Wohnung eine Geldentschädigung zu schaffen.

 

Zu der unter Napoleon angeordneten Versorgung der Pfarrer durch die Gemeinde, finden wir in der Chronik von Christian Kämmerling für den Ort Oberaußem einen Hinweis. Ende des 18. Jahrhunderts gab es in der Pfarrkirche zu Oberaußem eine Stiftung in Ländereien (Nagelmorgen genannt), deren Ertrag ab 1810 zur Versorgung des Pfarrers diente.

 

Kämmerling schreibt dazu über eine Begebenheit aus dem Jahre 1839, die sich in der Amtszeit des Pfarrers Martin Schröder zugetragen hat und auch noch nachweislich in die Zeit des nachfolgenden Pfarrers Franz Peter Berg, des Vorgängers von Pfarrer Richartz, hineinspielt, und zwar hatte der Kirchenvorstand “eigenmächtig zum Nutzen der Kirchenfabrik“ einen Morgen Ackerland verpachtet, dessen Ertrag dem Pfarrer seit Jahren zustand. Der Pfarrer fühlte sich seines Ertrages “beraubt“.

 

In der Eingabe an das Generalvikariat vom 24. Juni 1839 schrieb der Pfarrer:

 

“In der Pfarrkirche zu Oberaussem bestehet eine Stiftung in Länderei ohne angebliche Morgenzahl, unter dem Titel einer Bruderschaft zu Ehren Jesu, Mariä und Josephs und des heilichen Vinzentius Märtyrer und Kirchenpatron, wovon der Pfarrer laut Stiftung den ganzen Betrag gegen gewisse Verbindlichkeiten erhält.

 

Bei dieser Stiftung ist ein Morgen Ackerland, der nennt sich “Nagelmorgen“, und zwar aus dieser Ursache, weil er zur Anschaffung der Nägel an den Todtensärgen der verstorbenen Brüder und Schwestern aus der Bruderschaft des heiligen Vinzentius bestimmt war. Als aber um das Jahr achtzehnhundertzehn ungefehr gar wenige oder fast keine Nägel mehr an den Todtensärgen gebraucht wurden, hat der damalige Bruderschafts- und Kirchenvorstand den besagten Nagelmorgen einem gewissen Schmiede Namens Kemmerling zu Oberaussem, der denselben, wie auch dessen Vater und Großvater vor unerdenklichen Jahren her gegen unentgeldliche Lieferung der oben besagten Nägel in Benutzung gehabt haben, auf was für eine Art, weiß unterzeichneter nicht, abgenommen und der selben bei der Bruderschaft als Primizal gelassen, und den jährlichen Betrag desselben den Pfarrern überlassen, von wo an bis achtzehnhundertneununddreißig inclusiv die Pfarrer dessen Ertrag ganz ohne Scrupel genossen haben.“

 

In dem Antwortschreiben des Generalvikariates, welches über den Landdechanten und Pfarrer Bono in Morken übermittelt wurde, heißt es:

 

“Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der sogenannte Nagelmorgen, wie eben die Benennung andeutet, früher dazu bestimmt war, daß aus dessen Erträge die Nägel an den Todtensärgen der Verstorbenen aus der Bruderschaft zu Oberaussem verfertigt wurden, weshalb dann auch mehrmal in den alten Verpachtungs-Protokollen bemerkt wird, daß derselbe einem Schmiede unter der Verpflichtung zur unentgeltlichen Benutzung überlassen worden ist, dagegen die Todtennägel zu liefern.

 

Wenn jadessen dieser Gebrauch jetzt abgekommen ist und die Todtennägel von den Angehörigen der Verstorbenen angeschafft wurden, so scheint deshalb der Herr Pfarrer kein Recht auf die Benutzung dieses Grundstücks, welches er nachweislich sonst nicht gehabt hat, erhalten zu haben, sondern vielmehr der Pachtvertrag mit Recht und zum Nutzen der Kirchenfabrik, welche der Gemeinde wieder zu gut kommt, verwendet zu werden.

 

Euer Hochwürden wollen deshalb hiernach in Folge Ihres Berichtes vom 24. l.M. Herrn Pfarrer -und Kirchenvorstand zu Oberaussem bescheiden.

 

Das Erzbischöfliche Generalvikariat gez. Hüsgen.“

 

Der Pfarrer hat sich dann erneut gegen diese Entscheidung des Vikariates gewehrt und führte an, daß im Gemeinde-Lagerbuch zu Oberaussem der sogenannte Nagelmorgen als “Pastoral—Gut“ ausgewiesen ist und fragte nach dem Recht oder Unrecht, aus dem der frühere Kirchenvorstand über Jahrzehnte den Pfarrern den Ertrag überlassen hatte und dem möglichen Recht oder Unrecht des jetzigen Kirchenvorstandes, der nunmehr den Ertrag verweigere. Er schloß seine Eingabe mit den Worten: “Sollte aber auch das Vikariat ohne weitere Untersuchung bei der gegebenen Verfügung verbleiben, so wünscht unterzeichneter begierig seine Schuldigkeit für den Genuß der Vergangenheit zu wissen.“

 

Das Vikariat entschied dann schließlich, daß es bei seiner Verfügung “sein Bewenden behält“, wollte aber nichts dagegen einwenden, wenn der Kirchenvorstand dem Pfarrer den Ertrag des Nagelmorgens belassen wolle.

 

 

Vor der Franzosenzeit gingen viele der Pfarreingesessenen von Oberaußem in das einstige, zwischen Bergheim und Oberaußem gelegene Franziskanerkloster Bethlehem zur Frühmesse. Die Klöster wurden dann durch Napoleon I. aufgehoben und deren Güter eingezogen. Hierzu schreibt Delhoven in seiner Dorfchronik:

 

Sonntag, 4. Julius 1802. Gestern Abend kame ein Commissair extraordinair von Kölln hier an, der den Auftrag hatte, alle Effecten der Klöster und Kirchen zu versiegeln. Er ritte mit dem Mair Neesen und 3 Gensdarmen auf Knechstein; der Friedensrichter gienge desfals auf Zons und der hiesige Secretair Adolf Verhagen ward für Hakenbroich und unsere Kirche beauftragt. Gemäß dem Arette müssen alle Klostergeistliche in Zeit von zehn Tagen die Klöster räumen und weltgeistliche Kleidung anziehen. Was sie eigenthümlich auf ihren Zellen haben, das dörfen sie mitnehmen. Auch ward in den Pfarrkirchen nur das nöthige Messgewand, so alle Tage gebraucht wird, nicht versiegelt. Alle Canonici und Geistliche, wes Ordens sie sind, müssen ihre von einer Fundation herrührende Wohnungen räumen. Sie, die Bischöfe, Nonnen und Bettelmönche sollen von der Nation ohne Unterschied salarisirt werden, das ist: alle, so 60 Jahre alt sind, bekommen 600 Franc jährlich, alle anderen 500 Franc. In 10 Tagen Zeit nach der nun bald nachfolgenden Publication müssen sie alle weltgeistliche Kleider anziehen und ihre Klöster verlassen.

 

Dieses Los traf auch das Kloster Bethlehem. Das Kloster war anfangs nur eine kleine Niederlassung der Franziskaner. Im Jahre 1637 waren sie von Brühl aus nach Bergheim gekommen. Von Bergheim aus übernahmen sie in der zur Ehre der Gottesmutter Maria errichteten, seit etwa seit 1500 bestehenden Kapelle Bethlehem den Gottesdienst. Der eigentliche Klosterbau erfolgte in der Zeit von 1648 bis 1655. Die kleine Kapelle wurde durch eine neue Klosterkirche ersetzt, die 1665 konsekriert wurde. Laut „Provinzial-Annalen“ war das Kloster Bethlehem eine Zeit lang ein bedeutender Wallfahrtsort. Dies findet auch in der oben erwähnten Chronik von Joan Peter Delhoven eine besondere Erwähnung. So schreibt er hierzu wie folgt:

 

„Sonntag 4. Julius 1784. Diesen Morgen umb 2 Uhr ward das erstemal, und ¼ auf drei zusammen geläutet. Um halb 4 gieng der Hr. Pastor und Vicar an den Altar die Messe lesen. Nach gegebenem Segen um 4 Uhr ward eine zahlreiche Prozession nach Bethlehem ausgeführt. Weil die sonst von hier mit den Worringer auf Kevelar geführte Procession jetz von geist- und weltlicher Obrigkeit verbothen ist, so ist dieses Jahr das 3te Jahr, dass wir auf Bethlehem gehen. Ohne zu rasten waren wir um 9 Uhr am Gnadenorte. Zu Oberaussem ward Mittag gehalten, zu Stommel einst getrunken – und um 7 Uhr zu abend waren wir theils gesund und wohlbehalten alle wieder hier. Es war ein ganz schöner Sommertag. „

 

Anderthalb Jahrhunderte lang blieb das Kloster von den kriegerischen Wirren und Drangsalen in unserem Gebiet verschont. Die Säkularisation verschonte Bethlehem nicht. Am 2. Juli 1802, dem Feste Maria Heimsuchung, wurde in der Klosterkirche zum letzten Male ein feierliches Hochamt gehalten. Nach Beendigung des feierlichen Gottesdienstes wurde die Kirche von französischen Beamten geschlossen, die Mönche mußten das stille und friedliche Kloster verlassen. Der letzte Kloster-Guardian (Vorsteher) Joh. Baptist Elfen wurde Pfarrer in Paffendorf. Kirche und Kloster wurden 1806 mit Ausnahme eines um 1720 errichteten Bauteiles, des sog. Neubaues, auf Abbruch verkauft. Die beim Abbruch wiedergewonnenen Steine fanden beim Häuserbau eine neue Verwendung. Grund und Boden mit dem Restbau gingen in französischen Staatsbesitz. Nach dem Abzug der Franzosen ging 1815 alles in preußischen Staatsbesitz über. In den 1820-er Jahren verkaufte die preußische Regierung das gesamte Anwesen.

 

Ausführliche Informationen zum Kloster Bethlehem können einer diesbezüglichen Ausarbeitung von Ulrich Reimann entnommen werden. Siehe hierzu Internet: Stadtteilforum-Oberaußem.de

 

 

Nach Auflösung des Klosters stellte man in Oberaußem eigene Primissare oder Frühmesspriester an, und mancher ausgewiesene Ordensmann war froh, auf diese Weise ein Unterkommen zu finden. Zu ihrem Unterhalt diente der Ertrag von 8 Morgen Land, die „Frühmeßlöscher“ genannt, welche später verkauft wurden. Als Oberaußemer Primissare während der Franzosenzeit werden genannt:

 

Philipp Kappes, früher Franziskanerpater, war von 1802 bis zum 6. Oktober 1805 in Oberaußem, wo er auch starb.

 

Gereon Lehmann, im hiesigen Sterberegister mit „professor doctissimus“ benannt, war in der Pfarre zu St. Martinus in Cöln geboren und unterhielt in Oberaußem eine lateinische Schule. Eine Zeit lang war er Vikar an St. Aposteln in Cöln. Er starb am 19. Dezember 1815 in Oberaußem.

 

Ganz hatte die Kirche aber wohl auch während der französischen Herrschaft ihre bedeutende Stellung in unserem Ort nicht eingebüßt. Das zeigt ein Blick auf die Königskette der heute hier noch bestehenden Sankt-Vinzentius-Schützenbruderschaft. Aus der Franzosenzeit sind einige Königsschilde erhalten, die einige Informationen über Schützenkönige dieser Zeit geben.

  • Ferdinand Kemmerling, Agnes Jülich, Eheleuth, Vogels König und Huffschmit zu Oberhausen 1787.
  • Jürgen Ruentz Schützen König in Ober Außum 1789.
  • Henricus Klein, Kauffmann König in Oberaußheim 1790.
  • Henricus Grosman Gebürtig in Wiederstorff als König in Oberaußem anno 1792.
  • Edmundus Niesen ex Asperschlag Rex ex LavDabjlj Fraternjtate Sanctj VjnCentjj jn OberavsseM 1793 (in der Inschrift ist ein Chronogramm für 1793 verborgen).
  • ENDE 18: Jh. Peterus Schmitz.
  • ENDE 18: Jh. Wilhelmus Esser Koenig und gebürdig in Oberaußem Helena Ellers Eheleuth.
  • Ein Königsschild mit aufgedrucktem französischen Einfuhr- oder Reccense-Stempel erinnert daran, daß 1804 ein gewisser „JOHAN SCHMITZ VON BERNDORFF“ König in „OBERAVSEN“ war.
  • 814 war der Ortspastor Antonius Hoffschlag Schützenkönig in unserem Ort.

Auf dem Oberaußemer Friedhof gibt es noch heute erhaltene Zeitzeugnisse aus der Franzosenzeit. Dies sind links neben dem Haupttor in die Friedhofmauer eingemauerte Grabsteine, mit folgenden Inschriften:

1795, 13. August starb gottselig im Herrn die hochachtbare und tugendreine Sophie Pütz, geborene Schillberg, ihres Alters, im 70. Jahre, zeitlebens gewesen sorgfältige Halbwinnerinn auf dem Abtshofe zu Oberaußem.

Zum frommen Andenken an Margareta Winters geb. Kolping, geb. 13. Juli 1796, gest. 1. Januar 1847. Sie ruht an der Seite ihrer Schwiegereltern Gottfried Winters, geb. 12. März 1752, gest. 30. Juni 1837. Anna Mar. Winters geb. Körfgen, geb. 1759, gest. 6. Dez. 1844.

Aus der Dorfchronik von Delhoven ist ersichtlich, das ein Oberaußemer Landwirt Namens Colpin (gemeint ist wohl Kolping) mit einem Jacob Steinberger, Scheffen aus Dormagen, verschwägert war. Im Zusammenhang mit einem 1801 von den Franzosen verhängten Warenausfuhrverbot schreibt Delhoven: 24.10.1801 Jacob Steinberger und Witges sind auch nach Hamm (Staatsgefängnis Ham an der Somme) abgeführt. Unter des ersten seinen Papieren befindet sich ein Brief, von seinem Schwager Colpin von Oberaussem an Steinberger, wo derselbe anfrägt, ob der gesendete Weitzen alle über dem Rheine ist. Der Früchtenhandel liegt ganz darnieder, jeder Schmuckler ist bang, dass auch er solle gehohlt werden.

Interessant zur Ortsgeschichte von Oberaußem erscheint auch folgende persönliche Überlieferung der Bewohner des hiesigen Fleurshofes. Zur Zeit des Russlandfeldzuges von Kaiser Napoleon I., hatten die französischen Truppen in unserer Gegend Quartier bezogen. Es ist auch belegt, dass dabei der Oberaußemer Fleurshof als Lazarett für verwundete, französische Offiziere eingerichtet war. Es ist überliefert und davon ist auch auszugehen, dass Kaiser Napoleon I. damals selbst seine verwundeten Offiziere hier auf dem Hof besucht hat.

Man kann auch davon ausgehen, dass während der Franzosenzeit bereits ein Vorgängerbetrieb einer, 1823 erstmals urkundlich erwähnten, Kornbranntweinbrennerei Esser in Oberaußem betrieben wurde und dass diese sich den neuen französischen Verordnungen für den Handel und das Gewerbe anpassen mußte. Der 1810 in der Franzosenzeit geb. Jakob Esser, gest. 1889, übernahm um 1840 die Brennerei Ecke Büsdorfer- und Hauptstraße.

 

Der ehemalige Oberaußemer Hauptlehrer Josef Dürbaum schreibt 1912 in seinem Buch „Heimatkunde von Oberaußem“ zur französischen Besatzungszeit wie folgt:

Während der französischen Revolution war unser Ort allen Wechselfällen und Geschicken des Herzogtums Jülich unterworfen. In den Jahren 1792 - 96 waren die linksrheinischen Gebiete allgemein bald von deutschen, bald von französischen Truppen erobert, bis sie schließlich in französische Gewalt fielen.

Als um die Wende des 18. Jahrhunderts die Franzosen unser Gebiet eroberten, bekümmerten sich diese wenig um die bisher bestehenden Verhältnisse. Am 4. November 1797 wurden, nach einer bloß militärischen Verwaltung bis zum 24. Januar 1798, durch Beschluß des Commissär du Gouvernement (sprich dü guvernemang) die eroberten linksrheinischen Gebiete in vier Departements (sprich departemang) eingeteilt. Vierzig Kantone, darunter das Kanton Bergheim wozu auch Oberaußem gehörte, bildeten das Roer- (sprich Rur) departement mit dem Hauptorte Aachen. Man richtete zum erstenmale Bürgermeistereien (Mairie) oder Gemeindebezirke ein. Unsere Bürgermeisterei zählte, wie in der Geschichte des Ortes angegeben, zum Roerdepartement.

 

 

 

Amtlicher Briefkopf für Kanton und Mairie Bergheim, 1797

 

Jede Bürgermeisterei hatte einen Bürgermeister, der in dem Hauptorte des Bezirks seinen Wohnsitz hatte. Dem Bürgermeister zur Seite standen Beigeordnete. Auch besaß die Gemeinde einen Gemeinderat, der an der Verwaltung teilnahm, jedoch wurden Bürgermeister, Beigeordnete und Gemeinderäte sämtlich vom Staate ernannt, wie ja auch der Bürgermeister damaliger Zeit ein reiner Staatsbeamter war. Sein Amt war unbesoldet, jedoch waren für einen Sekretär Gehalt und Bureaukosten ausgeworfen. Nach und nach wurden den Gemeinden immer größere Ausgaben auferlegt, und zwar zur Zeit der französischen Herrschaft auch solche, die gar nichts mit den Angelegenheiten der Gemeinde zu tun hatten.

Unser Gebiet war somit dem Kaiserreiche Frankreich völlig einverleibt und unseren kerndeutschen Vorfahren drohte die Gefahr, das deutsche Wesen, deutsche Sprache und deutsche Sitten den ehrsüchtigen Plänen des übermütigen Korsen opfern zu müssen. Im Jahre 1812 mußte unser Volk es dulden, daß französische Truppen auf ihrem Zuge nach Rußland in unserer Gegend Quartiere nahmen und die Bewohner mit roher Willkür behandelten, ja, die Fürsten am Rhein, die sich aus Furcht unter Schutze Napoleons zum Rheinbund zusammengeschlossen hatten, mußten mit ihren Mannen gegen ihre eigenen Brüder zu Felde ziehen. Bald jedoch begann der Glücksstern des stolzen Korsen zu bleichen, die Schlacht bei Leipzig besiegelte sein Schicksal. Der Rheinbund wurde aufgelöst, und nun begann der Wiener Kongreß seine Tagung. Die deutschen Gebiete am Rhein mit Ausnahme Elsaß-Lothringens kamen an Preußen, das früher schon Geldern, Mörs und einen Teil von Kleve besessen hatte. Die neuen rheinischen Besitzungen wurden mit den älteren zunächst in der Provinz Jülich-Kleve-Berg und dem Großherzogtum Niederrhein zusammengefaßt und im Jahre 1822 in der Rheinprovinz vereinigt. Die bisherigen Kantone Bergheim und Kerpen bildeten von da ab den Kreis Bergheim mit einer Größe von 363,47 qkm. Der Kreis Bergheim wurde in 14 Bürgermeistereien gegliedert. Die Gemeinden Oberaußem und Niederaußem bildeten den östlichen Teil der Bürgermeisterei Paffendorf. Der westliche Teil, durch die Bürgermeisterei Bergheim von der östlichen geschieden, umfaßte die Gemeinden Paffendorf und Glesch.

Nach Niederwerfung der Franzosen 1815, blieb das französische Gemeinderecht hier noch so lange bestehen, bis die durch Staatsgesetz im Jahre 1845 eingeführte Gemeindeordnung für die Rheinprovinz Geltung erhielt.

Aus einer Blatzheimer Bauernchronik wissen wir über die Zeit von 1795 bis 1815, daß unsere Heimat sehr zu leiden hatte. Zunächst waren die Österreicher mit 16.000 Mann und 6.000 Reitern als Verteidiger hier. Dann seien 1794 die französischen Revolutionsheere eingefallen und hätten das ganze Land in Besitz genommen. Übel haben sie gehaust ist dort zu lesen. Gegen wertloses Papiergeld, den sogen. Assignate, haben die Bewohner das Militär unterhalten müssen und wurden verpflichtet zur Lieferung von Lebensmitteln für die Mannschaften und enormen Mengen Hafer, Heu und Stroh für die Pferde. Dazu wurde unser besetztes Gebiet noch mit ungeheuer hohen Steuerzahlungen belegt, zahlbar in metallenen Geldsorten. Bei Nichtzahlung wurden Männer als Geiseln verschleppt und später auch Jugendliche ab dem Alter von 17 Jahren in den Kriegsdienst gepreßt. Sie fanden sich wieder in Einheiten, denen neben Franzosen auch Spanier, Portugiesen und Holländer angehörten. Als dann Napoleon 1814 geschlagen war und das aufgeriebene Heer zurückflutete, folgten als erste der nachdrängenden Verbündeten Kosaken, dann kamen die Preußen und an ihrer Seite verbündete Schweden unter dem Kronprinzen Bernadotte, denen auch Sachsen angeschlossen waren, und wiederum war unser Land schwer belastet, schreibt der Chronist.

 

Infolge der langen Kriegswirren war es in der ersten Zeit der französischen Besatzung in unserer Heimat mit der öffentlichen Ordnung und Sicherheit nicht alzugut bestellt. Da der Ackerbau und das Gewerbe am Boden waren, zog arbeitsloses und arbeitsscheues Gesindel durch unser Land, dem sich auch noch entlaufene Söldner aller Nationalitäten angeschlossen hatten. Im Laufe der Zeit hatten sie sich zu Räuberbanden vereinigt, die

gut organisiert raubten und plünderten und durch ihr militärisches Auftreten der notleidenden Bevölkerung allen Mut zur Gegenwehr genommen hatten. Anfangs waren es überwiegend holländische Banden, die man entsprechend einer Fabel Bocksreiter nannte. Direkt in unserer Gegend traten überwiegend die Mitglieder der Krefelder und Neusser Banden auf.

Berüchtigte Namen dieser Banditen waren: K. Heckmann, J. Brückmann, Weyers, Kremerius, Nagels Pitterchen, der oberländische Hannes, der taube Franzis, Deikes Schumacher, der Züllischer Wellem, Töller, Bröcker. Der genialste, listigste und verschlagenste unter ihnen war Matthias Weber, genannt Fetzer, der Bandenführer. 192 Straftaten gingen auf sein Konto. Nachdem er doch gefaßt wurde, endete sein Leben schrecklich mit 23 Jahren auf der Guillotine in Köln. Im Süden unserer Provinz hauste die schreckliche Neuwieder Bande. Ihr Anführer war der kühne Johannes Bückler, auch als Schinderhannes bekannt. Die Bande soll auch in unserem Kreisgebiet tätig gewesen sein. So wird u. A. berichtet, im Ichendorfer Wald, in der „Mordkuhl“ habe er auch gehaust, und seine Schreckenstaten sollen dieser Stelle den Namen gegeben haben. Schinderhannes wurde mit zwanzig seiner Bandenmitglieder am 20. November 1803 in Mainz hingerichtet. Mit zunehmender öffentlicher Sicherheit wurde man den Banden allmählich Herr und räumte um die Jahrhundertwende gehörig mit ihnen auf. Allerorten machte man kurzen Prozeß mit ihnen. Allein in Köln wurden dreißig Räuber von den Franzosen hingerichtet.

 

Ebenfalls auf die Franzosen ist wohl die Neuordnung des Schulwesens in Oberaußem zurückzuführen. Zur hiesigen Schulsituation um die Jahrhundertwende schreibt Hauptlehrer Dürbaum u.a.: Bevor das Schulhaus an der Kirchstraße erbaut war, diente ein Gebäude an der Kalbhecke, an der Südwestterrasse des Kirchhofberges, wo jetzt kleine Pflanzgärtchen angelegt sind, zu Schulzwecken. Dasselbe soll in früherer Zeit mehr das Aussehen eines Stalles, denn eines Schulhauses gehabt haben. Es zeigte in seinem äußeren Aufbau rohe Lehmwände, der Fußboden des Klassenzimmers war lange ungedielt, und zurzeit war aus einer Wand ein Lehmfach herausgefallen, durch das die Kinder vielfach ein- und ausschlüpften. Schulbänke gab es noch nicht, die Schüler saßen auf Schemeln oder Bänken ohne Lehne und hielten die Tafel, die nur aus einem Stück Schieferlei ohne Rahmen bestand, mit der linken Hand umschlungen. Wenn man bedenkt, daß zu jener Zeit vielfach Handwerker das Schulhalten nur so nebenher betrieben, also es einen eigentlichen Lehrerstand noch gar nicht gab, so wird man sich derartige Zustände schon erklären können. Erst unter dem Lehrer Burbach, der im Jahre 1825 nach Oberaußem kam, wurden die Verhältnisse besser. Der Schulbesuch blieb jedoch lange Zeit äußerst unregelmäßig, und was gelernt wurde, war deshalb natürlich wenig. Bis zum Jahre 1815 war der Schulbesuch hierorts noch freiwillig, und erst unter Preußens Regierung wurde Schulzwang eingeführt. Leider finden sich nirgendwo genauere Aufzeichnungen über das alte Oberaußemer Schulwesen, die weiter als bis zum Jahre 1825 zurückreichen.

 

Aus der sogenannten „Franzosenzeit“ sind in unserer Heimat manche sprachliche Eigenarten in die Mundart übernommen worden. Die Leute mussten damals lernen sich mit den Besatzern zu verständigen. Man schnappte auf, was man zu verstehen glaubte. Als die französischen Truppen abrückten, blieben viele Wörter im rheinischen Dialekt erhalten. Heute sind aber die meisten Wörter französischen Ursprunges fast ganz aus der Mode gekommen und werden nur noch von den älteren Leuten benutzt.

Als Beispiele seien nachfolgend hier genannt:

· Trotowar = Bürgersteig

· Potmanee = Geldbörse

· Schossee = Landstraße

· Allee = Strasse mit Baumbestand

· Kanapee = Sofa

· Paraplü = Regenschirm

· Fnös = Herd

· tschö = Adieu, gleich sei mit Gott, Aufwiedersehen

· Schavuer = Kohlgemüse

· Balbutz = Bartschneider

· Tabel = Tafel oder Schultasche

· Dispetak = Streitgespräch

· Filu = Schlitzohr

· Camesol = Hosenboden

· Verkamesöle = Schläge auf den Hosenboden

· Bagasch = Gepäck

· Specktakel = Lärm / Krach

· Visasch = Gesicht

· Carressant = Liebhaber

· Bibi = Mütze / Hut

· Paleto = Mantel / Überzieher

· Zauß = Soße

· Zaußjer = Salatschüssel

· Tispetak = Zank und Streit

 

Auch erinnern Bezeichnungen von Örtlichkeiten und Gegenständen in unserem Heimatorte an die französische Besatzungszeit. Die frühere Bergheimer Straße in Oberaußem wurde im Volksmund „Am Tispetak“ genannt. Auch der Name „Fleurshof“ für einen der ältesten Höfe Oberaußems stammt wohl aus der Franzosenzeit.

Die vorgenannten Wörter und Bezeichnungen sind so wiedergegeben, wie man sie bei uns ausspricht. Selbstverständlich ist die korrekte französische Schreibart anders.

Erwähnenswert ist wohl noch die ab 1802 von französischen Ingenieuren und Landvermessern erstellte Landkarte unserer Heimat. Delhoven schreibt dazu:

Vom 19. auf den 20. August 1802 um Mitternacht kame ein Ingenieur mit der Ordre, dass wir oben am Klockenthurm hinaus eine Leucht hangen sollten, welche man zu Worringen, Longerich und Kölln sehen konnte, auf welchen Orthen man gleiches that, um eine neue Karte von dem hiesigen Lande zu machen. Zugleich musten 2 Ordonanzen mit einigem Gebund Stroh den Ingenieur begleiten, welches sie auf dem Feld anzündeten.

31. Die Ingenieur, welche das Land aufnehmen und eine neue Karte verfertigen sollen, waren heut wieder hier auf dem Kirchthurm. Nachdem sezten sie Stangen mit Stroh ins Feld, um in grader Linie die Weite von einem Ort zum andern zu messen. Auch muss jeder Bürgermeister ihnen die Anzahl Menschen, Häuser, Vieh, und Morgenzahl angeben.

Ein Ergebnis der damaligen Arbeiten ist das heute noch vorhandene, detaillierte Kartematerial von Tranchot, erstellt 1803 - 1813.

 

 

 

Ausschnitt aus einer Tranchot – Karte um 1807

Nachfolgend nun eine ausführlichere Zusammenfassung der damaligen Ereignisse und ein Überblick über die Situation der Bevölkerung im Kreis Bergheim und damit auch in unserem Heimatort, während der zwanzigjährigen französischen Besatzungszeit.

Angefangen hatte alles mit der Ende des 18. Jahrhunderts, nicht nur in Frankreich, immer größer werdenden Unzufriedenheit des Volkes mit ihren Herrschaftssystemen.

Die insbesondere in Frankreich rasch wachsende Unzufriedenheit mit den politisch-gesellschaftlichen Zuständen unter der Regierung Ludwig XVI. (1774 bis 1792), eskalierte wie allgemein bekannt, in der „Französischen Revolution“. Am 14. Juli 1789 kam es zum Sturm auf die Bastille, mit den bekannt schrecklichen Folgen. Die Franzosen beseitigten den Absolutismus und die Feudalherrschaft in ihrem Lande. 1791 erhielt Frankreich eine neue Verfassung. Man schuf eine konstitutionelle Monarchie mit Gewaltenteilung. Es gab danach die gesetzgebende (Legislative), die ausübende (Exekutive) und die richterliche (Judikative) Gewalt im Lande. Zwei Jahre später erfolgte die Errichtung einer totalen Volksherrschaft, die dann 1795 in eine gemäßigte Republik umgewandelt wurde.

Mit dem Umbruch in Frankreich beginnt eine neue Geschichtsepoche. An Stelle der Regierungsausübung durch den Adel, etabliert sich der Volksstaat. Nun ging die staatliche Macht alleine vom Volke aus.

Das deutsche Volk war unter den hier vorhandenen Fürstenherrschaften mit der Kleinstaaterei über Jahrzehnte hinweg nicht zu politischer Einigung gekommen. Unser gesamtes Land war zum Ende des 18. Jahrhunderts stark aufgeteilt und zerklüftet. Das Verhältnis zwischen den Herrschenden und seinen Untergebenen war jedoch anders als in Frankreich. Hierzulande bestanden zwischen Herren und dem Volk immerhin menschliche Beziehungen. Jedoch brodelte es auch in unserer Heimat. Sehr aufschlussreich beschreibt Peter Delhoven in seiner Chronik die damals im Lande herrschende Stimmung.

„Die schönsten Provinzien Teutschlands gehn durch innere Unruhen zu Grunde. Allenthalben wieglen sich die Unterthanen auf gegen ihre Herren. So ungerecht auch dieses seyn mag, so ist im Gegentheile auch viel Unterdrückung im Lande. Die Geistlichkeit und der Adel haben zum Theil ihre Güter frey von allen Abgaben, der arme Bauer mus im Schweis seines Angesichts sein Brod gewinnen, für jene die Steuern bezahlen, und die Lasten des Landes tragen. Ist er Pachter und er gewinnt etwas mehr als sein karger Unterhalt fordert, so werden seine Pachtungen erhöht, als wenns geschrieben stünde: der Bauer soll darben. Wenn nun der Mann am Pfluge mit solchen Abgaben beladen wird, dass er ungeachtet seines Fleisses nicht so viel gewinnen kann, die Seine vor Dürftigkeit zu schützen, wenn er sich von allen verachtet siehet, wenn jedes Vergnügen der Natur im verwähret wird, dann sinkt der gedrückte Geist zur Muthlosigkeit nieder.

„Ich war jahrelang ehrlich“, sagt sich der Mann, der mit gekränktem Herzen sich auf den Pflug lehnt, und den Himmel seines harten Schicksals halber anklagt. „Ich war jahrelang ehrlich“, sagt er, „hab keine Mücke betrübt, gab dem Fürsten getreu meine Abgaben; und kann ich mir sagen, dass eine meiner guten Thaten belohnt ward? Endlich erwacht Verweiflung in seinem Herzen. „Was will ich länger schwitzen? Wohnen nicht Reiche in Städten, die sich im Müssiggange mit unserm Fleis mästen, die Tag unt Nacht sinnen, wie sie das, was wir ihnen geben müssen, durchbringen. Lasset uns die Bande zerreissn, und uns in den Schoos des Ueberflusses setzen.“ So beginnt das Unheil eines Mannes, einer Gemeine, ganzer Nationen. Das Volk begehrt seine Rechte; diese wurden ihm verwährt. Es kömmt in Gährung, vergisst alles was ihm noch heilig war, und überlässt sich den zügellosesten Ausschreitungen.

So musten sonst die armen Leuthe in Hackenbroich, wo keine Reiche sind, so musten diese — sage ich — abwechselnd wie Leibeigene die Arbeiten auf der herschaftlichen Burg verrichten. Mit jedem halben Tage wurden sie abgelöset; dafür reichte mann ihnen einen Stüber. Izt müssen sie einen ganzen Tag dienen, und man reicht ihnen doch nicht mehr als einen Stüber; zwar ein armer Betrug, der aber nur einen armen Mann drücken

kann.

Zwar erwacht doch bei manchem redlichen Manne das Gefühl von Menschlichkeit. So wurden neulich in Düsseldorff einige Bauern eingezogen, die in der Gegend ihr Eygenthum bewachten, und bey der Nacht auf Haasen schossen, die ihnen die Gartengemüse wegfrasen. Der versammelte Adel des Landes beleuchtete die Sache und verordnete, dass die allzu grosse Anzahl Wild niedergeschossen ward.

Wie traurig ist hingegen ein Blick in eine Gerichtsstube, wie noch neulich der Vorfall war. Im kalten Vorgemach weileten unzählige Klienten auf die Ankunft des Beamten, dieser, der endlich späth erschien, setzte sich in seinen Amtsstuhl und — lase die Zeitung; während das so Viele, die 5 Stunden weit hergekommen waren, in schmerzlicher Ungeduld seufzten, vorgelassen zu werden.

So wohlmeinend der Fürst auch immer sich zu seinen Untergebenen herab lässt, ob es gleich an manchen Hofe beginnt hell zu werden, so verhüllen dennoch dicke Nebel die niederen Hörsäle der Gerechtigkeit, die dann auch eigentlich ein merklicher Beytrag sind zu den traurigen Empörungen dieser sonst so blühenden Zeiten.

Die revolutionären neuen Ideen in Frankreich schwappten über die Grenzen und fanden auch in unseren Rheinlanden rasch ihre Anhänger. Die Schlagworte der Revolution: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, klangen verlockend und deren Umsetzung schien auch für große Teile der hiesigen Bevölkerung erstrebenswert. Die durch die erste französische Verfassung vom 3. September 1791 festgesetzte Gestaltung des Staates hielten viele Rheinländern für vortrefflich. Man sah hierin die geeignete Maßnahme, auch sich selbst von all den bereits seit dem Mittelalter bestehenden, erdrückenden Belastungen zu befreien. Vielerorten wurden die Errungenschaften der französischen Revolution auch in unserem Lande begrüßt. „Der geringste Bürger konnte ja danach in höchste Ehrenstellen gelangen; Adel und Bauern sollten nur noch nach einem für jedermann geltendem Gesetz gestraft und gerichtet werden; jeder sollte freies Jagdrecht genießen und die Zehntabgaben sollten entfallen. In Köln hatten Anhänger der Revolutionsideen bereits im Oktober 1792 eine Art Freiheitsbaum aufgestellt um den das Volk getanzt hatte. Die Tanzenden waren aber auf Anordnung des Kölner Magistrat rasch verhaftet worden. Somit waren die Freiheitsideen aufs erste unterdrückt worden.

Gedrängt von der neuen Nationalversammlung, führte der noch amtierende König Ludwig XVI., Frankreich 1792 in einen Krieg mit Österreich und Preußen. Man wollte den inzwischen auch nach Freiheit strebenden östlichen Nachbarn „Brüderlichkeit und Hilfe“ bringen.

Die beim Kriegsbeginn vereinigten gut gerüsteten, deutschen und österreichischen Truppen marschierten aber zuerst bis in die Champagne vor. Diese Offensive gegen die französische Volksarmee scheiterte jedoch und endete am 20. September 1792. Die Preußen zogen sich danach über den Rhein zurück.

Am 20. Sept. 1792 schaffte dann der Nationalkonvent das Königtum in Frankreich ab und verkündet am 21. September 1792 die Republik. König Ludwig der XIV wurde am 21. Januar 1793 öffentlich mit der Guillotine hingerichtet. In Frankreich hatte die Schreckensherrschaft der Jakobiner unter „Robespierre“ begonnen, in der die Revolution später „ihre eigenen Kinder fraß“. Unter General Dumouriez begannen nun die Eroberungszüge der französischen Revolutionsarmee nach Osten. Man war schnell bis nach Lüttich vorgedrungen und eine Vorhut hatte sich weiter nach Aachen und bis an die Rur (Roer) vorgeschoben. Dumouriez hatte in Lüttich sein Hauptquartier aufgeschlagen. Die zurückweichenden Österreicher verlagerten sich über Düren hinter die Erft in die Gegend von Bergheim. Der österreichische Generalfeldzeugmeister, Graf Clerfait wohnte damals mit seinem Stab in Bergheim in der Post, neben der Kapelle.

Delhoven schreibt hierzu: Die Keyserliche Armee steht zu Aachen, und schicket unablässig ihre sehr elendig Verwundete über die Bergheimer Strass auf Kölln, wo sie in den Stiftern und Klöstern aufgenommen werden. Bergheim und die Gegend umher ist hart mitgenommen durch die anhaltenden Züge, sodass in einem Hause oft hundert Soldaten essen und schlafen müssen. Die Keyserliche Armee aus Brabant steht ‘noch in der Gegend von Bergheim. Das Keyserliche Hauptquartier steht noch zu Bergheim. Die Gegend umher wird rein ausgefressen, so dass Menschen und Vieh wahrscheinlich Mangel leiden werden.

Es gab schwere Kämpfe bei Düren und Jülich, in denen die Franzosen nochmals geschlagen wurden. Sie zogen sich an die Maas zurück. Von diesen Kämpfen war auch das Erftland, insbesondere durch die Einquartierungen der Österreicher stark betroffen. Die Bevölkerung mußte Nahrungsmittel und Pferde abgeben und Dienstleistungen für das Heer erbringen. Es gibt alte Protokolle, in denen man durch militärische Befehle aus Köln aufgefordert wurde zum Transport von Heeresmaterialien Transportfahrzeuge und Pferde zur Verfügung zu stellen. Einen aufschlussreichen Bericht hierzu enthält ein Protokollbuch der Gemeinde Kerpen (1760 – 1802), Niederschrift vom 24. März 1793: man wurde aufgefordert, „zur Fortbringung des in der Stadt Brüel vorseyenden K. K. Magazins-Vorrath, auf morgen früh sechs Uhr, 18 zweispännige Karren, jede mit einem Leinentuch bedeckt und 20 einspännige Karren in besagte Stadt zu schicken“. Der Kerpener Gemeinderat beschloß daraufhin, daß jeder, der mehr als ein Pferd hatte, die Hälfte seiner Pferde zur Verfügung stellen mußte.

Das Protokollbuch vom 5. Junius 1793 zeigt, daß die „Dienstfuhr“ von Brühl aus nach Namur in Belgien ging. Die Bauern brauchten den Transport nicht zu begleiten. Es war eine militärische Trainkolonne zusammengestellt worden. Das Gemeinderatsmitglied Jakob Langen war als Conducteur (Begleiter) des Transports mitgefahren.

Zum Schluß der Niederschrift ist aufgezeichnet:: „Es seynd also auf Namur abgegangen 42 Pferd, diese haben zehn Täge mit der Hin- und Herreise zugebracht, mithin für jeden Tag einen Reichsthaler gerechnet, zu empfangen zehn Reichsthaler, also 42 Pferde 420 Reichsthaler.“ Begleiter Langen erhält an Reise- und Verzehrkosten runde 16 Reichsthaler.

Aus verschiedenen Gründen brachen im September 1794 die deutsche und österreichische Verteidigung an der Maas zusammen. Die Franzosen rückten wieder vor. 1792 Nach einer zweiten Schlacht bei Aldenhoven, nahmen die Franzosen am 3. Oktober 1794 die Festung Jülich und rückten unter General Marceau in Düren ein. Im linksrheinischen Gebiet gab es darauf für das Revolutionsheer keine größeren Hindernisse mehr. Am 4. Oktober erreichten sie über die Köln-Aachener-Straße die Stadt Bergheim im damaligen Herzogtum Jülich.

Auch zu diesen Tagen schreibt Delhoven recht ausführlich in seiner Chronik. Nachfolgen ein entsprechender Textausschnitt.

3. October 1794. Gestern Nachmittag sprengte der Gülicher Posthalter hier ein. Er sagt, aus: dass die Franzosen vormittags auf allen Punkten angegrifen, und die Kayserlichen wahrscheinlich zum Rückzuge nöthigen werden. Bey seiner Abreise hatte die Stadt schon an vier Orten in Flammen gestanden. Die Franken kanonieren vom Aldenhover Berg bis über Gülich herüber. Das sezte alle Bewohner in Schrecken. Abends 11 Uhr kame auch eine Stafette von Bergheim, welche die Bestätigung jenes Angrifs auf Düsseldorf bringen musste.

Heut giengen mehrere hundert Schanzarbeiter aus dem Karsch Linn und dem dortigen Kölnischen hiedurch auf Neel; doch hörte man nichts weiter von Kanonieren oder Soldaten bis nachmittags 4 Uhr. Da kreuzten sich schreckhafte Nachrichten durcheinander. Es hies, die Armee lagere auf der Bethlemer Heyde, im Rommerskircher Feld; Grevenbroich, Wevelinghoven ezt. wimmele von Soldaten. Und alle diese sagen wahr.

Stafetten kamen eine nach der anderen. Mit dem dämmernden Abend hiess es, Stüttchen, Nievenheim, Dielrath ez. seyn voll Kayserlicher Soldaten. Die Verwirrung stieg daher aufs höchste, als aber die Nacht einbrach, da kame ein Kutscher von Grimmlinghausen, welcher uns durch die Nachricht beruhigte, dass alle Truppen von Roermund über Grevenbroich auf Grimmlinghausen über den Rhein gehn.

4. Samstags. Diesen Morgen um 3 Uhr weckte mich der Kaufmann Koch aus Wevelinghoven, der mein guter Freund ist. Gestern den ganzen Tag waren Truppen und Wägen da vorbey zum Rhein gefahren. Um 9 Uhr abends, bey seiner Abreise, waren alle Kayserliche Soldaten über die Erft, und die Brücken abgebrochen; die Franzosen waren damals schon zu Fürth. Die Kayserlichen hatten in Wevelinghoven an vielen Häusern geplündert, Schweine geschlachtet und mancherley Unfug getrieben. Bey der Abfahrt des Koch hatten noch viele Einwohner Hülf gerufen, und in die Gegend gen Bergheim hinauf hatte es an 5 Orten gebrannt. Bis um die Mittagszeit sahe man hier keinen Soldaten. 600 Kayserliche Scharfschützen waren von Grevenbroich irrgegangen, kamen auf Zons und von da auf die Piwitt, wo sie übergeschifet wurden. — Die Knechsteiner Herren, welche mit noch einer Rotte Nonnen und viele Bagage auch über den Rhein wollten, musten auf Köln fahren, wo sie auch schwerlich werden überkommen, weil die Armee am marschieren ist.

Um 12 Uhr sah man auf der Heyde gegen Zons eine grosse Menge Wägen halten. Man sagte, die Franzosen wären zu Stommel und Pulheim, welche Orthe von den Kayserlichen geplündert, die Beute aber ihnen von den Franzosen wieder abgenommen worden. Das war gelogen. Um 2 Uhr kamen die Gefähr von der Heyd hier an; die ersten waren schon hier im Dorf, als man die lezten noch erst am Stüttchen heraus kommen sah. Es waren meistens einspännige Bauern-Karren, welche aus der Gegend von Roermund und Venlo dienstweis mitgenohmen wurden.

Es waren einige und zwanzig Kayserliche Husaren dabey. Einer von diesen forderte bei Joann Krahn, Mathias Haeuch, Peter Lorbag und beym Bürgermeister Haaber; jeder gabe ihm ein wenig, und er genügte sich damit. Nun begehrte ein anderer 13 Dienstpferde; der Bürgermeister zeigte ihm selbige an. Joann Derichsweiler, Henrich Bahem und Peter Fix musten vorspannen. Die übrigen Pferde aber waren alle geflüchtet in den Kulk und ins Pilgerbüschchen; theils ackerte man damit im Feld. Von diesen nahmen die Husaren des Mathias Hack und des Gerichtsboten Jakob Cremers Pferde mit Gewalt vom Pfluge weg. Nun kame wieder ein Husar, hiebe an des Bürgermeisters und des Mathias Hecks Hause Fenstern entzwey, aus Rache, dass sie keinen Vorspann bekommen hatten. Der Schefen Steinberger riefe „Nachbarn heraus“; da kamen eine Menge Menschen mit Hölzer und Gabeln bewafnet, worauf der Husar fortritte.

Der Zug dauerte bis halber 6 zum Abend. Gleich zuvor hörte man heftig kanonieren, welches, wie man nun vernimmt, in der Gegend von Neus ware, wo noch die Arriergarde der Kayserlichen mit den Franzosen im lezten Gefecht war; worauf die Keyserliche sich bis zum lezten Mann über den Rhein gaben, und alle Schife jenseits mitnahmen. Dieses sagte uns ein Postillion; auch, dass schon die Franzosen Neus besezt hatten. Gülich ist in den Händen der Franzosen. Acht Uhr abends wurde der Feldschütz umgeschickt, dasz jeder die Nacht hindurch wachen und Licht brennen lasse. — Es ist izt Mitternacht, da ich diese Begebenheiten niederschreibe, auf der Strasse und überall herscht stille Ruhe und einsames Schweigen. Der Mond scheint so hell. Alles ist dennoch wach, obschon alle Türen verschlossen sind.

Also sind wir jetz schon Republikaner; unser Oberhaupt der Nationalconvent in Paris.

 

 

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